Bundespräsident eröffnete den 30. Historikertag

Gauck in Göttingen: Es gibt kein Ende der Geschichte

Göttingen. Mit einer nachdenklichen Rede über Gewinner und Verlierer in der Geschichte hat Bundespräsident Joachim Gauck am Dienstag in der Göttinger Lokhalle von 1400 Gästen den 50. Deutschen Historikertag eröffnet.

In der Stadt der Göttinger Sieben, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung protestierten, appellierte Gauck an die Historiker, über die Beschäftigung mit der Geschichte, mit Jubiläen, Gedenktagen, Erinnerungen und Denkmälern die Zukunft nicht zu vergessen: „Meine eigene Lebenserfahrung lehrt mich, dass es nicht umsonst ist, sich stark zu machen für eine andere, bessere Zukunft, für eine Veränderung der Verhältnisse. Sicher, so etwas wie die friedliche Revolution in Mittelosteuropa und der DDR – so etwas geschieht nicht alle Tage. Aber was wir dort erlebt haben, das bleibt ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass Geschichte selbst in Situationen, die unabänderlich erscheinen, beeinflussbar und gestaltbar ist.“

Die komplette Rede des Bundespräsidenten gibt es hier.

Mit Blick auf das Motto des Historikertages, Gewinner und Verlierer, verwies Gauck auf Beispiele in der Geschichte, wie aus Verlierern durch eigenen Mut und Tatkraft sowie durch solidarisches Handeln, Gewinner geworden seien. So habe die Industrialisierung Verlierer erzeugt, auf lange Sicht aber den Grundstein für eine unglaubliche Verbesserung der Lebensumstände gelegt. Flüchtlinge und Vertriebene, die zu den Verlierern des Zweiten Weltkriegs gehörten, seien dank ihres Fleißes auf ihre persönliche Gewinnerstraße gelangt.

Gauck: „Alles, was wir heute so sehr genießen, Frieden, Freiheit, Wohlstand – was Menschen in vielen Teilen der Welt bitter fehlt – ist das mühsam genug erreichte Werk von Menschen. Und es ist zerbrechlich und endlich, wie alles Menschenwerk. Es muss verteidigt, erneuert, neu errungen werden. Es gibt kein Ende der Geschichte.“ Wenn Geschichte keinen Schluss kenne, gelte auch, „dass es nie zu spät ist, gegenwärtiges Leid und Unglück zu wenden.“

Der Bundespräsident rief die versammelte Historikerzunft auf, Geschichte nicht nur aus der Perspektive der Sieger zu schreiben. Erzählt werden müsse auch die Geschichte der Marginalisierten, der Unterdrückten, der Geschlagenen: „Geschichtsschreibung kann ihnen keinen Sinn zusprechen, aber Geschichtsschreibung kann ihnen ihre Würde lassen oder wieder geben, wenn sie ihre Stimmen zu Wort kommen lässt oder wenn sie die zum Schweigen Gebrachten in Forschung und Lehre in die Erinnerung einbringt.“

Die Bevölkerung bekam, abgesehen von der Beflaggung öffentlicher Gebäude, dem großen Polizeiaufgebot sowie Blaulicht und Martinshorn einer Motorradeskorte nicht viel mit von dem Besuch. Wie in Göttingen üblich, gab es aber Proteste. Einige Demonstranten beschimpften Gauck als Kriegstreiber.

Von Christoph Papenheim

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