Vor 25 Jahren stürmte die Polizei das Jugendzentrum Innenstadt für eine Razzia und hielt 408 Menschen fest

Als das Juzi zum Kessel wurde

Der Tag danach: Rund 3000 Demonstranten protestierten gegen die Razzia der Polizei im Juzi. Foto:  dpa

Göttingen. Montag, 1. Dezember 1986, früher Abend: Drei Hundertschaften Bereitschaftspolizei umstellen das Jugendzentrum Innenstadt in Göttingen. Nach der Räumung dreier besetzter Häuser haben sich im „Juzi“ gut 400 Menschen versammelt. Das Ziel des Treffens war für die Polizei klar. Die linksautonome Szene wolle weitere Straftaten verabreden, sagte der damalige Polizeichef Lothar Will.

Die Polizei sieht Göttingen nach wie vor als Hochburg gewaltbereiter Straftäter aus dem linken Spektrum an. Und das „Juzi“, so mutmaßten sie damals, war Ausgangspunkt für Gewalttaten aller Art - darunter Scherbendemos, bei denen Vermummte ganze Straßenzüge entglasten.

Mit der Razzia wollte die Polizei die Szene „aus der Anonymität herausholen“, wie Will 1986 sagte. Außerdem vermuteten die Fahnder in dem Gebäude einen Störsender, mit dem damals immer wieder der Polizeifunk behindert wurde.

Dann ging alles schnell. Die Polizisten stürmten mit gezogenen Schlagstöcken das überfüllte Gebäude und setzten die Besucher fest. Genau 408 überwiegend junge Leute wurden fotografiert. Sie mussten ihre Personalien angeben und sich Leibesvisitationen unterziehen. Dabei und bei der Durchsuchung des „Juzi“ fanden die Beamten 15 Gassprühdosen, 13 Motorrad-Sturmhauben, zwei Schlagstöcke und ein Messer. Ein Störsender wurde nicht entdeckt.

Die Razzia sorgte bundesweit für Schlagzeilen und Kritik. Jürgen Trittin, der für die Grünen im niedersächsischen Landtag saß, sprach von einem völlig unverhältnismäßigen Einsatz. Der Göttinger Stadtrat warf der Polizei vor, sie habe das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit verletzt.Die Autonomen reagierten auf ihre Weise: 150 Vermummte veranstalteten eine Art Sturmlauf durch die Göttinger Innenstadt und zerschlugen Scheiben im Wert von 75 000 Euro.

Scheiben im Wert von 75 000 Euro zerstört

Drei Jahre später bescheinigte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg der Göttinger Polizei, die Razzia sei rechtswidrig gewesen. Das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit sei verletzt worden. Viele der Festgehaltenen erhielten vom Land Niedersachsen Schmerzensgeld, weil sie ohne gesetzliche Grundlage erkennungsdienstlich behandelt worden waren.

Mitte der 1980er Jahre gab es nach Schätzungen der Polizei in Göttingen rund 300 gewaltbereite Angehörige der linksautonomen Szene. Daran hat sich nach einer aktuellen Einschätzung bis heute nicht viel geändert. „Göttingen ist im Vergleich zu anderen niedersächsischen Städten nach wie vor ein Brennpunkt links-motivierter politischer Gewalt“, sagte ein Sprecher von Polizeipräsident Robert Kruse.

Polizei: Aktuell 250 gewaltbereite Autonome

In der Stadt lebten jetzt etwa 250 gewaltbereite Linksautonome. Als Beispiel für deren Straftaten in jüngerer Zeit nannte der Sprecher eine Serie nicht aufgeklärter Autobrandstiftungen mit rund 500 000 Euro Sachschaden.

Laut Staatsanwaltschaft ist die Lage in Göttingen aber vergleichsweise entspannt. Links-Autonome wie Rechtsextremisten bereiteten der Strafverfolgungsbehörde derzeit keine nennenswerten Probleme, sagte Behördensprecher Hans Hugo Heimgärtner. Und im einst von der Polizei gefürchteten „Juzi“, sagt Stadtsprecher Detlef Johannson, habe es schon lange keinen Ärger mehr gegeben. (lni)

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