Der Kampf um Göttingens Friseurnachwuchs

Sorgt sich um den Stand ihres Berufes: Friseurmeisterin Jennifer Albrecht. Foto: Triesch

Göttingen. Der Friseurberuf scheint für Schulabgänger keine attraktive Option zu sein. Es mangelt an qualifizierten Auszubildenden.

Die Anzahl der angebotenen Lehrstellen in Göttingen übersteigt die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge.

Haare schneiden, verlängern, färben, wellen, Make up auftragen, Fingernägel stylen: Schönheit ist in. „Überall wird den Mädels gezeigt, wie sie aussehen sollten oder könnten, aber das nötige Handwerk dazu und den dazugehörigen Friseurberuf will niemand erlernen,“ Jennifer Albrecht, Inhaberin des Göttinger Salons Jennys Haaroase, versteht das nicht mehr. „Es findet sich einfach kein passender Nachwuchs.“

Erstmals seit zehn Jahren wird ihr Salon im kommenden Jahr nicht ausbilden. Seit Monaten läuft ihr Stellenangebot bei der Arbeitsagentur für Arbeit; inseriert die 45-Jährige in den lokalen Zeitungen und wirbt mit Extraurlaub und 200 Euro Einstiegsprämie. Doch ohne Erfolg. Arbeit und die Möglichkeit gutes Geld zu verdienen gibt es genug, sagt sie: „Mein Terminbuch quillt über, ich weiß nicht mehr wohin mit der Arbeit. Alle wollen gut aussehen, aber niemand will es machen.“

Schlechtes Image

Das liegt nicht zuletzt am schlechten Image des Berufes, ist sich die Friseurmeisterin sicher: „Das Bild der dummen blonden Friseuse muss endlich weichen.“ Der Beruf biete viele Möglichkeiten und verlange aber auch gleichzeitig so viel mehr, als weithin angenommen werde: „Es ist Aufgabe von Innung und Schulen das Berufsbild mit Image-Kampagnen endlich ins rechte Licht zu rücken.“ Es könne nicht sein, dass Lehrern Schülern, wie ihrer 15-jährigen Tochter bei der Praktikumswahl nur Akademikerberufe ans Herz legen und von handwerklichen Berufen wie dem Friseurhandwerk abraten.

Die Unternehmerin macht Vorurteile gegenüber dem Berufsbild für dieses Verhalten verantwortlich. Dabei sei die schlechte Bezahlung der Vergangenheit passé: „Der Mindestlohn ist längst Tarif.“ Und was im Köpfchen brauche man auch.

Akademisierungswahn

Mit ihrem Problem steht Jennifer Albrecht nicht allein da. Anderen Berufskollegen geht es ähnlich, versichert Andreas Gliem, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft und Friseurinnung Südniedersachsen. Aber der Mangel an Auszubildenden sei kein reines Branchen- oder Imageproblem. „Andere Handwerksinnungen klagen ebenfalls darüber.“ 80 Prozent der Absolventen der zehnten Klassen gehen auf weiterführende Schulen und fehlen somit im Ausbildungsbereich, erläutert Gliem: „Das ist ein Gesamtgesellschaftliches Problem. Die Menschen sind dem Akademisierungswahn verfallen.“

Das Handwerk scheint für Abiturienten unattraktiv zu sein. Die Bildungslandschaft wandle sich. So schwinde der Anteil der Haupt- und Realschüler, die traditionell ins Handwerk gegangen sind und die Handarbeit unterliege der Kopfarbeit. Das müsse sich ändern: „Denn auch die großen ehrwürdigen Institutionen der Region brauchen schließlich Bäcker, Handwerker und Friseure.“

Hintergrund

Der Friseur als Dienstleistungsberuf verlangt vom potenziellen Auszubildenden einen breit gestreuten Fächer von Fähigkeiten. Neben Ausstrahlung und kommunikativer Fähigkeiten brauchen Friseure handwerkliches Geschick, Gespür für Farbe und Formen, unternehmerisches Denken und Engagement.

Die Ausbildung dauert drei Jahre im dualen System. Die Vergütung schwankt je nach Salon zwischen 250 bis 400 Euro im ersten, 300 bis 500 Euro im zweiten und 400 bis 600 Euro im dritten Ausbildungsjahr.

Das Einstiegsgehalt liegt bei 1300 bis 1800 Euro Brutto - zuzüglich Trinkgeld. (mel)

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