Kommentar zum Transplantations-Skandal: Es geht um das ganze System

Thomas Kopietz

Das ist schon nach Tag eins im Prozess gegen den ehemaligen Leiter der Göttinger Transplantationsmedizin klar: Es wird ein langer, zäher Prozess gegen den ehemaligen Leiter der Göttinger Transplantationsmedizin.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig muss belegen, dass Dr. O. die Daten manipuliert hat, dass dadurch Menschen zu Schaden oder gar zu Tode gekommen sind. Bislang gibt es keine Namen. Dagegen steht: Die elf von O. Transplantierten leben noch.

Deutlich wurde durch einen emotional wie fachlich starken Auftritt des Verteidigers auch, dass der Fall viel kritische Masse birgt: Es geht um ein bislang nicht oder unzureichend greifendes Strafgesetz für den Bereich Organtransplantation, generell um die Kontrollmechanismen, die Organisation und Qualität in den Transplantationszentren, die berufsethische Einstellung der beteiligten Mediziner und schließlich um das gesamte System, das zwar gut organisiert scheint, aber im rechtlichen wie praktischen Bereich lückenhaft ist. Beteiligt sind Stiftungen und die Bundesärztekammer. Der Staat ist ohne direkten Zugriff. So müssen in den kommenden Jahren neben einer Neuorganisation der Organvergabe und der Transplantationszentren auch die rechtlichen Rahmenbedingungen klar abgesteckt werden.

Allein die Frage, wann ein Arzt für die Tötung verantwortlich gemacht werden kann, birgt viel Brisanz. Ist die Entscheidung für das Abstellen der Geräte bei einem Patienten und der damit sofort möglichen Operation eines weiteren, strafrechtlich zu ahnden? Oder ist es Lebensrettung, wie der Angeklagte zu Recht fragte.

Der Prozess verspricht also Spannung mindestens bis in den Mai 2014. Er könnte auch Anschub für eine rechtliche und ethische Neubewertung sowie eine Generalüberholung des Organspende- und Transplantationssystems sein.

tko@hna.de

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