Kommentar zum Wechsel im Rathaus: "Nicht nur Trümpfe in der Hand"

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Thomas Kopietz, Redakteur Göttingen

Am Montag kommt es zum Wechsel des Oberbürgermeisters im Göttinger Rathaus. Ein Kommentar von HNA-Redakteur Thomas Kopietz.

Für den introvertierten, Wolfgang Meyer kommt nun der offene Rolf-Georg Köhler. Vorbei sind nun die Verabschiedungen, die ein Spiegelbild der Charaktere waren: Der Bauchmensch Rolf-Georg Köhler hatte einen lockeren, emotionalen Abschiedsabend im Festzelt der Städtischen Wohnungsbau, Meyer eine nüchterne Feier in der prächtig illuminierten Lokhalle.

Wolfgang Meyer ist beim distanzierten Bürger auch in acht Jahren nur bedingt zu „dem“ Vorzeigemann ihrer Stadt geworden. In Entscheiderkreisen hat es aber geschafft. Der Rathaus-Chef hat still und leise, mit Akribie einiges erreicht: Er hat – trotz Gegenwind aus vielen Richtungen – das Entschuldungsprogramm durchgezogen, mit Hilfe des Rates der Stadt.

Das ist sicher auch gelungen, weil Meyer nie einer war, der den Entscheidern und dem Bürger viel versprochen hat. Er passte mit seiner überlegten, nüchternen, für einige fast langweiligen Art in einer schwierigen Zeit in die Stadt.

Fakt ist auch: Meyer hinterlässt seinem Parteifreund Köhler weitaus bessere Karten, auch gespickt mit Trümpfen, als er sie 2006 in Krisenzeiten in der Hand hielt.

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Köhler kann die Trümpfe nun ausspielen: In der Stadt ist eine Aufbruchstimmung zu spüren. Es gibt eine geringe Arbeitslosenquote, nach Außen strahlende Erfolge wie der Nobelpreis für Stefan Hell, eine starke Uni und die Präsenz der BG-Basketballer in der Bundesliga, dazu auch Infrastrukturprojekte wie die GVZ-Anbindung und Firmenerweiterungen.

Aber es gibt auch ungeklärte Probleme, die nun als „Luschen“ in der Kartenhand Köhlers landen: Da ist der wachsende Mangel an bezahlbaren Wohnungen. Da sind zu häufig auftretende undurchsichtige Projekt-Planungen aus der Vergangenheit. Da ist eine generell unterentwickelte Transparenz, mit daraus resultierenden atmosphärischen Störungen im Verhältnis Stadt–Bürger. Und da sind stadtplanerische Defizite, genannt sei nur der Bereich Leinebogen/Leinekanal mit Mühle und Gefängnis.

Dennoch: Köhler könnte die Aufbruchstimmung befeuern. Er muss aber gleichwohl mit altbekannten Problemen leben und im Umgang mit den handelnden Akteuren einen – seinen – Weg finden, vielleicht auch Zöpfe abschneiden. Die kritischen Bürger und politischen Gegner werden ihn dabei genau verfolgen. Am Ende wird es darauf ankommen, ob der Rathaus-Chef in der Lage sein wird, auch mit Luschen zu punkten.

Der Bauchmensch und Ideengeber Köhler könnte – wie Meyer in seiner Amtsperiode – der passende Typ zur richtigen Zeit in Göttingen sein.

Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: tko@hna.de

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