Kommentar zu weniger Auszubildenden: Lehre hat Stellenwert verloren

Thomas Kopietz, Redaktionsleiter HNA-Göttingen. Foto: nh

Das ist alarmierend: Im abgelaufenen Beratungsjahr ging die Zahl der Auszubildenen im Raum Göttingen zurück. Und: Jugendliche sehen eine Berufsausbildung oft nur noch als eine Notlösung an.

Zu konstatieren ist: Die Lehre hat schlichtweg nicht mehr den Stellenwert wie noch vor zwei oder drei Jahrzehnten. Damals machten auch Abiturienten, die später in ein Studium einsteigen wollten, vorneweg noch eine Berufsausbildung – und blieben manchmal auch in den Berufen.

Die Wahl, eine Berufsausbildung anzunehmen, geschah dabei oft aus Überzeugung und nicht nur auf den wohlgemeinten Ratschlag der Kriegsgeneration-Eltern: „Mach erst mal etwas Solides“. Nein, die Ausbildung genoss einst ein hohes Ansehen in der Gesellschaft.

Die Schuld daran, dass dies nicht mehr so ist, trägt eine Bildungspolitik, die Abitur und Studium als Königsweg aufzeigt: Ziel ist es, das Abi fix und bestmöglich durchzuziehen – gerne auch abseits der Neigungen und Talente von Schülern, die so Handwerksberufen, aber auch medizinischen Berufen, verloren gehen. Dort, wie bei den Physiotherapeuten fehlt es quantitativ und qualitativ an Nachwuchs, der im Beruf bleiben und arbeiten will. Stattdessen sitzen auf den Schulbänken der einst überlaufenen Schulen junge Menschen mit Top-Abi-Note, die dennoch keinen Medizin--Studienplatz bekommen haben und nun aktiv warten und nebenbei lernen.

Fazit: Der Nachwuchsmangel in diesen Berufen wird drastische Formen annehmen.

Die Schuld, dass viele junge Menschen keine klassische Berufsausbildung mehr absolvieren wollen, tragen aber auch die Eltern, für die alles unter dem Abitur nur noch wenig gilt und die ihre Kinder zum Abi drücken.

Aber die Gründe allein bei den jungen Menschen und den Eltern zu suchen, das wäre zu kurz gedacht: Denn es geht auch ums Geld – und dabei sind die Unternehmen und Branchen in der Pflicht. Eine qualitative Ausbildung muss entsprechend honoriert werden – und auch danach muss eine finanzielle Perspektive vorhanden sein. Aber: Friseure, Physiotherapeuten oder Pfleger verdienen einfach zu wenig.

Eines ist gewiss: Ohne die Ausbildung, ohne Pflegekräfte, ohne Handwerker, wird die digitale Arbeitswelt 4.0 nicht auskommen. Deshalb hat die Lehre in vielen Bereichen und der Handwerkerberuf durchaus eine goldene Zukunft, wie Kreishandwerksmeister Christian Frölich kürzlich mutig in einem HNA-Interview voraussagte. tko@hna.de

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