Konstante Aidszahlen in der Region: Jede siebte Infektion bleibt lange unentdeckt

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Northeim/Göttingen. 35 Millionen Menschen leben weltweit mit einer HIV-Infektion. Etwa 3200 Menschen haben sich nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) im vergangenen Jahr neu in Deutschland mit HIV angesteckt. Damit ist die Zahl der Neuinfektionen im Vergleich zu den Vorjahren konstant.

231 Fälle stammen aus Niedersachsen. 21 in der Region Hannover.

„Da der Erregernachweis für HIV nach dem Infektionsschutzgesetz nicht namentlich meldepflichtig ist, erfolgt die Meldung direkt an das Robert-Koch-Institut,“ erklärt Dirk Niemeyer, Pressesprecher des Landkreises Northeim. „Da die Gesundheitsämter nicht einbezogen sind, liegen keine genauen Zahlen für den Landkreis Northeim vor.“

Allerdings wisse man, dass jede siebte HIV-positive Person in Deutschland nichts von ihrer Infektion weiß, so Simone Kamin, Pressesprecherin der Göttinger AIDS-Hilfe. „Wird eine HIV-Infektion erst im Krankheitsstadium Aids erkannt, ist die Behandlung viel schwieriger.“

Daher: Trotz der konstanten Zahl an Neuinfektionen mit HI-Viren appellieren RKI, das Gesundheitsamt der Region Northeim und die Göttinger Aids-Hilfe an die Bevölkerung, verantwortlich mit Sexualkontakten umzugehen. „HIV/AIDS ist weiterhin ein Gesundheitsrisiko in Deutschland“, betont Kamin, anlässlich der neuen RKI-Schätzung zum HIV/AIDS-Geschehen in Deutschland. Demnach lebten Ende 2015 rund 86.000 Menschen in Deutschland mit HIV. Die Zahl ist gegenüber den Vorjahren unverändert.

„Das ist eine positive Nachricht, aber andererseits ist der ausbleibende Rückgang ein Beleg dafür, dass die HIV-Präventionsstrategie der Bundesregierung weiterhin konsequent umgesetzt werden muss“, unterstreicht Dr. Lothar Wieler Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts. Mit Spätdiagnosen sind höhere Sterblichkeit und Behandlungskosten verbunden.

Welt-Aids-Tag setzt ein Zeichen

Der Welt-Aids-Tag steht im Zeichen für Solidarität mit HIV-positiven Menschen. Seit 1988 wird am 1. Dezember der Welt-Aids-Tag von der UNAids - der Aids-Organisation der Vereinten Nationen - organisiert.

Die am stärksten von HIV betroffene Gruppe sind Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Von den 3200 Neuinfektionen im Jahr 2015 erfolgten 2200 bei MSM, 750 wurden auf heterosexuellem Wege übertragen, 250 bei intravenösem Drogenkonsum. Im Jahr 2015 gab es geschätzte 460 Todesfälle bei HIV-Infizierten. (mel)

Aidshilfe Göttingen: Frühzeitige Diagnose ist wichtig

Von rund 86 000 HIV-Infizierten wissen geschätzte 13 000 nichts von ihrer Infektion. Mit Spätdiagnosen steigt die Gefahr der Verbreitung durch unbeabsichtigte Weitergabe der Infektion.

Barrieren für HIV-Tests oder andere sexuell übertragbare Infektionen müssen daher abgebaut werden, erläutert Simone Kamin, Pressesprecherin der Göttinger Aids-Hilfe. Die Aids-Hilfen engagieren sich deshalb dafür, Vorbehalte und Vorurteile abzubauen. Unter dem Welt-Aids-Tag-Motto „Positiv zusammen leben“ klären sie zum Welt-Aids-Tag am Donnerstag, 1. Dezember, an Infoständen in Einbeck und Göttingen über die Viruskrankheit auf.

Denn trotz des medizinischen Fortschritts und erfolgreicher Aufklärungskampagnen löst HIV noch immer bei vielen Menschen Verunsicherung und Vorurteile aus.

Unbegründete Ängste vor einer Ansteckung im Alltag oder Beruf sind längst noch nicht überall ausgeräumt.

Wirksame Therapie

„Viele Menschen wissen nicht, dass Menschen mit einer HIV-Infektion dank moderner Medikamente eine fast normale Lebenserwartung haben“, erklärt Kamin. „Sie können in jedem Beruf arbeiten, ihre Freizeit gestalten wie andere auch, Partnerschaft und Sexualität genießen und HIV-negative Kinder bekommen.“

Eine wirksame Therapie senkt die Viruslast in den Körperflüssigkeiten sogar so stark, dass HIV-Positive das Virus beim Sex ohne Kondom nicht mehr weitergeben können.

„Bedingung für die Wirksamkeit ist jedoch, dass der oder die HIV-Positive seit mindestens sechs Monaten eine Viruslast unter der Nachweisgrenze hat und die Medikamente zuverlässig einnimmt“, erklärt Kamin. „Die rechtzeitige Diagnose und Behandlung von HIV verhindert außerdem dauerhaft eine Aids-Erkrankung.“

Workshops für Flüchtlinge

In diesem Jahr hat die Göttinger Aids-Hilfe einen besonderen Arbeitsschwerpunkt entwickelt: Workshops für geflüchtete Menschen. Ziel ist es, sie dabei zu unterstützen, sich für sexuelle Gesundheit und selbstbestimmte Sexualität zu sensibilisieren. Themen wie sexuelle Rechte, Verhütung, Schwangerschaft, Homo- und Transsexualität werden in den Workshops besprochen. Auch Einrichtungen, die Menschen mit Fluchthintergrund betreuen, können bei der Göttinger Aids-Hilfe Schulungen buchen.

Mittlerweile können alle niedersächsischen Aidshilfen Kondome mit Gebrauchsanweisungen in Englisch, Französisch, Arabisch und Farsi zur Verfügung stellen. (mel)

Weitere Informationen unter Telefon: 0551 - 4 37 35 bei der Aidshilfe oder per Mail an simone.kamin@goettingen.aidshilfe.de

Hintergrund: Zerstörung des Immunsystems

Die Immunkrankheit Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome: englisch für „erworbenes Immundefektsyndrom“) wurde am 1. Dezember 1981 als eigenständige Krankheit anerkannt. Mit Aids wird eine Kombination von Symptomen bezeichnet, die Folge einer durch die Infektion mit dem HI - Virus eingeleiteten Zerstörung des Immunsystems sind. An Aids erkrankte Menschen erleiden infolge dessen lebensgefährliche Infektionen. Eine Ansteckung mit HIV ist möglich, wenn es in die Blutbahn oder auf die Schleimhäute gelangt. Es kann über Blut, Sperma, Scheidenflüssigkeit und Muttermilch übertragen werden. Eine Infektion mit dem HI-Virus ist nicht heilbar. (mel)

Von Melanie Triesch

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