Bewegungsmangel und Nahrung im Überfluss

Warum Diäten nicht funktionieren: Kraftakt gegen die Pfunde

Pizza, Cola, Bier: In vielen Familien kommen statt einem selbstgekochten Essen Pizza und Co. auf den Tisch. Zusammen mit einer genetischen Veranlagung und Bewegungsmangel führen falsche Essensentscheidungen langfristig zu Übergewicht. Archivfoto: nh:

Göttingen. Der Kampf gegen die Pfunde ist auch einer gegen die Natur. Denn unsere Gene sind nicht auf Nahrung im Überfluss, sondern ein Überleben in knappen Zeiten programmiert.

Angesichts häufiger Hungerperioden laute die Vorgabe: „Iss, was Du bekommen kannst! Keine unnütze Bewegung“, erklärt der Göttinger Ernährungspsychologe Privat-Dozent Dr. Thomas Ellrott. Doch in unserer modernen Welt schmelzen die angegessenen Fettreserven im Winter nicht mehr. Kalorienreiche Lebensmittel sind ständig verfügbar.

„Es wird nicht mehr gekocht, sondern Pizza bestellt“, berichtet Carola Schlegel von der Adipositas-Ambulanz Göttingen über ihre Erfahrungen mit stark übergewichtigen Patienten. Viele Betroffene haben seit ihrer Kindheit Übergewicht. Wenn irgendwann die Bewegung schwer fällt, schließt sich ein Teufelskreis.

Mit Adipositas (Fettleibigkeit) zu leben ist nicht nur aus gesundheitlichen Gründen problematisch, sondern oft auch mit Scham verbunden. Betroffene bekommen nicht selten abfällige Bemerkungen, wie ein „fette Kuh“ in der Fußgängerzone, zu hören. Dabei hat die Mehrzahl der Übergewichtigen bereits etliche Diätversuche hinter sich.

Unbewusste Entscheidung

Dr. Thomas Ellrott

Doch die meisten Diäten funktionieren langfristig nicht. Das hat laut Dr. Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) eine Reihe von Gründen. Ein Problem sind feste Gewohnheiten, die unsere Einkauf- und Essensentscheidungen bestimmen. Beim Verzehr von drei Mahlzeiten am Tag habe ein 50-Jähriger etwa 50.000 Mal im Leben gegessen, rechnet Ellrott vor. Die meisten Diäten ersetzen das gewohnte Essverhalten für kurze Zeit, ändern es aber nicht.

Mit Crash-Diäten ist es tatsächlich meist möglich, kurzfristig abzunehmen. Sie eignen sich jedoch nicht zum Gewichthalten, weil sie langfristig nicht durchzuhalten sind. Bei der Speisenwahl spiele die Gesundheit als Motiv keine entscheidende Rolle, sagt der Ernährungspsychologe. Als Motive dominieren vielmehr Genuss und Geschmack, Convenience und Preis. Experimente haben außerdem gezeigt, dass Vielfalt - etwa am Buffet - den Konsum erhöht. Selbstkontrolle muss also sein. Von rigiden Diätregeln und absoluten Verboten rät Ellrott jedoch ab, weil sie bereits nach geringen Überschreitungen Essanfälle auslösen.

Außerdem warnt der Experte vor unrealistischen Zielen - zum Beispiel 15 Kilo in sechs Wochen. Wer sein Ziel verfehlt, ist schnell demotiviert und bricht sein Vorhaben ganz ab.

Adipositas: Diät oder Magenband

Aufbauend auf der Forschung des Instituts für Ernährungspsychologie wurde in Göttingen vor 20 Jahren eine Langzeittherapie für stark Übergewichtige entwickelt. Inzwischen gibt es auch kürzere Programme für Erwachsene mit leichtem Übergewicht. Für extrem Übergewichtige bietet die Adipositas-Therapie der Universitätsmedizin auch chirurgische Maßnahmen wie Magenband, Schlauchmagen und Magenbypass. In jedem Fall wird über die Behandlung individuell entschieden. Erster Schritt für Betroffene ist der Besuch der Sprechstunde in der Interdisziplinären Adipositas-Ambulanz. Kontakt: Telefon 0551-396315.

www.gastroenterologie.med.uni-goettingen.de

Von Kornelia Schmidt-Hagemeyer

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