Ulrike Tscharre als T.C. Boyle

Die Krisen der "Terranauten" in ihrem Riesenterrarium

Stark gelesen: Schauspielerin Ulrike Tscharre und das T.C.Boyle-Buch „Die Terranauten“ beim Göttinger Kultursommer. Foto: Lawrenz

Göttingen. Applaus hat die Schauspielerin Ulrike Tscharre (Tatort, Polizeiruf) für die Lesung aus „Die Terranauten“ von T.C. Boyle beim Göttinger Kultursommers bekommen. 

Doch für die, die das Buch nicht kannten blieb die Lesung am Abend im Alten Rathaus schwer verständlich.

Literatur spiegele oft Extremsituationen wieder; Extremsituationen, die so haarsträubend seien, dass man es kaum glaube könne, führte Margot Blotevogel vom Fachdienst Kultur der Stadt in die Lesung ein. Davon war an dem Abend leider wenig zu spüren. Dabei ist das Buch voller solcher Krisen.

Kein Wunder, denn die Ausgangslage ist eine extreme: Acht Menschen – vier Frauen und vier Männer – lassen sich in ein riesiges Terrarium einschließen. Zwei Jahre lang soll diese „Scheinwelt“ existieren. Zeit genug für fast mörderische Krisen angefangen von einem Stromausfall, der die Glaskugel fast in einen Dampfdrucktopf verwandelt, bis hin zu einer Schwangerschaft, die abgesehen von vielen Gefühlswallungen bei ohnehin schon knappen Essensrationen für noch krassere Nahrungsmittelengpässe sorgt. Schließlich muss das werdende Menschlein zusätzlich zur Crew mitversorgt werden.

Im schlichten schwarzen Kleid tritt Ulrike Tscharre vor die gut gefüllten Zuhörerreihen im Alten Rathaus. In Fernsehserien wie „Lindenstraße“ und „Polizeiruf 110“ ist die Schauspielerin sonst zu sehen.

Bei der Lesung wird schnell klar, dass sie als Hörspielsprecherin auch gelernt hat, ihre Person zurückzunehmen. Sie liest und lässt die Wörter wirken. Hin und wieder blickt sie ins Publikum und lässt das Gelesene mit Pausen wirken. FaWenn sie zur nächsten Szene springt, „ölt“ sie ihre Stimme mit einem Schluck Wasser, fast unbemerkt bleiben kleine Versprecher. Schließt der Zuhörer die Augen, wachsen Bilder der Szenen, die sich in dem „Käfig“ abspielen. Mit geübter Stimmführung versteht es Tscharre, Emotionen lebendig zu machen.

Was bei dem Abend im Alten Rathaus fehlte, war der rote Faden. Nur wer das jüngste Buch von T.C. Boyle kennt, konnte den ausgewählten Szenen folgen. Allein das Wissen, dass der amerikanische Autor aus wechselnden Perspektiven erzählt, das „Terrarium“ von innen von außen betrachtet, hätte vermittelt werden müssen.

Wer sich die Lesung als Entscheidungshilfe für den Buchkauf angehört hat, dem hat der Abend kaum geholfen. Die Leseleistung von Ulrike Tscharre aber würdigte das Publikum mit Applaus. (zul)

• T.C. Boyle, „Die Terranauten“ , Roman, Übersetzung Dirk van Gunsteren, Hanser Verlag, 606 Seiten, 26 Euro.

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