Kultursommer: Geplatzte Träume eines Backfischs

Fast liebenswert: Fritzi Haberlandt als „Das kunstseidene Mädchen“ im Göttinger Kultursommer. Foto: Eriksen

Fritzi Haberlandt überzeugte im Göttinger Kultursommer mit ihrer Darstellung des „kunstseidenen Mädchens" im ausverkauften Deutschen Theater.

Göttingen. Frech, zärtlich, brutal, egoistisch, fürsorglich, ungebildet, witzig, verletzlich, verletzend, voller Träume und mit einem gestörten Verhältnis zur Wirklichkeit - alle diese Facetten des Backfisches Doris aus Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“ brachte Fritzi Haberlandt auf die Bühne des ausverkauften Deutschen Theaters in Göttingen.

Für die Illusion hilfreich waren das jugendliche Äußere und die schmale Gestalt der bekannten, preisgekrönten Schauspielerin. Aber es waren ihr Können, ihre manchmal winzigen Gesten, ihre Mimik und ihre glaubhafte Sprechweise, welche die Figur unvergesslich und bedauernswert, ja fast liebenswert machten.

Wer ist denn diese Doris, der Fritzi Haberlandt Leben verlieh? Sicherlich typisch für ihre Zeit, denn Irmgard Keun brachte den Roman 1932 heraus, und er spielt ein Jahr früher, im Nachklang der wilden 20er. Doris will raus aus der Provinz und nach Berlin, sie will „ein Glanz“ werden, ein mondänes Wesen, das sich in Seide - nicht Kunstseide - kleidet. Aber irgendetwas geht immer schief und ihre Verhältnisse - sie wird ausgehalten - enden mit Rauswurf. Zum Schluss findet sie sich nach einer Nacht im Freien am Bahnhof Zoo wieder. Ihr weiterer Weg bleibt offen.

Die musikalische Begleitung durch Jens Thomas wurde vom Publikum unterschiedlich bewertet. Einige waren restlos begeistert, während andere fanden, dass nicht alle Sequenzen konzeptionell schlüssig waren.

Der Beifall für die Künstler war lang anhaltend und herzlich. Dass Fritzi Haberlandt auch alleine überzeugt, hat sie mit mehreren Hörbüchern unter Beweis gestellt, darunter auch „Das kunstseidene Mädchen“ (2007).

Die szenisch-musikalische Lesung war Teil der Theatertage im Rahmen des Kultursommers der Stadt Göttingen. (zäl)

Von Anne-Lise Eriksen

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