Virtueller Applaus

Lesung der Stillen Hunde: Unterhaltsames Roulette zum Feiertag

Überzeugten beim digitalen Kulturabend: Wenn Christoph Huber zum „Faultier“ wird, mimt Stephan Dehler das „Pinseläffchen“.
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Überzeugten beim digitalen Kulturabend: Wenn Christoph Huber zum „Faultier“ wird, mimt Stephan Dehler das „Pinseläffchen“.

Mit ihrem Literarischen Roulette haben die „stillen Hunde“ mit Christoph Huber und Stefan Dehler schon auf den verschiedensten Bühnen gepunktet. „Arbeit, Arbeit über alles“ hieß das Format, das sie zum Tag der Arbeit präsentierten.

Göttingen – In der jetzigen Zeit mit der Pandemie ist die Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) als Videokonferenz zu den Zuschauern gekommen.

Das Prinzip ist des Literarischen Roulettes ist einfach: In einer Wand aus 36 Zahlen verbergen sich 36 Texte zum Thema. Ein Zuschauer nennt eine Zahl, die Akteure lesen, was sie dem genannten Platz entnehmen – mal Lyrik, mal Prosa; mal aus heutigen, mal aus ergangenen Zeiten. Und als hätten es Huber und Dehler geahnt, dass an diesem Abend die Sechs zuerst genannt wird, können sie gleich mit einem Highlight aus ihrem erprobten Programm aufwarten. Mit den Tiergeschichten von Manfred Kyber verliert Huber an Sprechgeschwindigkeit und wird zu dem unglaublich trägen Faultier. Stefan Dehler hingegen plappert und kratzt sich als das besorgte Pinseläffchen.

Es folgt ein spannender Text dem anderen. Vom kämpferischen „Bundeslied für den allgemeinen deutschen Arbeiterverein“ nach einem Gedicht von Georg Herwegh aus dem Jahre 1863 über Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ mit der Passage, in der dem Waisenjungen die Kunst des Taschendiebstahls gezeigt wird, bis zu den Gebrüdern Grimm mit dem Märchen über „Die ungleichen Kinder Evas“ reicht die abwechslungsreiche Textauswahl. Wie im Untertitel des Abends angekündigt erzählt sie gelungen „von der süßen Last des Schaffensrausches bis zur Knechtschaft im Dienst des Kapitals“.

Fast erstaunlich ist das Auftreten der beiden Erzähler, die deutlich sichtbar als zwei Personen im Redefluss fast zu einer verschmelzen, im Dialog dann wieder ihre Zweiheit beweisen. Passend zum Feiertag der Arbeit stehen sie im Sonntagsfrack auf der Bühne. Mit den technischen Möglichkeiten des Jungen Theaters ist es für sie möglich per Videokonferenz in die Wohnzimmer ihrer Zuschauer zu kommen. Rund 70 Haushalte hätten sich eingewählt, berichtet der Intendant des Theaters, Nico Dietrich, die die Zuschauer auch kurz in das Format einweist. Da pro Haushalt meist zwei bis drei Personen zuschauten, kommt er auf rund 140 Besucher, die die unterhaltsame Stunde genießen.

Ja, die Eieruhr läuft und klingelt pünktlich, beendet den literarischen Spaziergang nach zu kurzen 60 Minuten. Doch die Stillen Hunde bleiben nicht stumm. Damit die Zuschauer noch hören, „was Sache ist“, lesen sie Episode aus Clara Müller-Jahnkes Geschichte einer Frau „Ich bekenne“ zu Ende und stehen vielen Fragen Rede und Antwort.

Statt Applaus sahen die Vorleser begeistertes Winken am Bildschirm, der ihnen ihr Publikum zeigte. Und sie gestanden: Die Stillen Hunde würden die Pandemie überleben. Doch auch sie freuten sich auf eine Zukunft, in der sie wieder vor Publikum spielen könnten. (Ute Lawrenz)

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