Sie lieben mit aller Kraft ins Leere: Deutsches Theater zeigt „Die Möwe“

Ratlosigkeit macht sich breit: Moritz Pliquet als Kostja (auf dem Podest) und die Sommergesellschaft am Seeufer in Tschechows „Die Möwe“ am DT. Foto:  Winarsch
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Ratlosigkeit macht sich breit: Moritz Pliquet als Kostja (auf dem Podest) und die Sommergesellschaft am Seeufer in Tschechows „Die Möwe“ am DT.

Göttingen. Die Theaterbühne ist ein Seeufer, eine kleine Bucht. Birkenstämme ragen aus dem Wasser, Wellen plätschern, Lichtflecke tanzen auf den grauweißen Stämmen, man lagert an knorrigen Baumwurzeln, hält die nackten Füße ins Wasser und wirft ab und an eine Angel aus.

Eine bezaubernde Welt hat Bühnenbildnerin Eleonore Bircher am Deutschen Theater in Göttingen für Anton Tschechows todtraurige Komödie „Die Möwe“ erschaffen, poetisch und entrückt.

Ein Sehnsuchtsort für die Städter um Irina Nikolajewna Arkadina (Angelika Fornell), die den Sommer in ihren weißen Gewändern (Kostüme: Ilka Kops) auf dem Landgut verbringen. Und auch ein Sehnsuchtsort fürs Publikum, das von dem wohlig-müßiggängerischen Lebensgefühl durchaus vereinnahmt wird – ein geschickter Schachzug von Regisseur Mark Zurmühle, denn so verlängert er Tschechows im Stück entwickelten Konflikt zwischen unserem Beharrungsvermögen in altbekannten Beziehungsstrukturen und dem nur selten aufblitzenden Mut, für unser Glück Neues zu wagen, ins vollbesetzte Parkett hinein.

Fürs Wagnis stehen die drei jungen Menschen: Nina (Anna-Katharina Diener), Kostja (Moritz Pliquet) und Mascha (Marie-Thérèse Fontheim) wollen aus- und aufbrechen. Sie wollen richtig lieben, leidenschaftlich arbeiten, aufregend neue Kunst schaffen. Nina erkennt „dass etwas in mir weiter will“. Doch sie scheitern. An sich selbst und an der Trägheit der Umgebung. Am Ende bleiben Ernüchterung, Verzweiflung, eine Selbsttötung.

Mehr Zuspitzungen und Gefühlsextreme hätten dem etwas harmlos bleibenden, freundlich beklatschten Abend unbedingt gutgetan. Der schonungslose Blick in den Abgrund ist zu selten zu spüren. Etwa dann, wenn die wunderbare Anna-Katharina Diener mit wippendem Pferdeschwanz als Nina sich wie fiebrig an ihrer Schwärmerei für den Dichter Trigorin (Benjamin Krüger) berauscht. Dann ist sie mädchenhaft süß, aufgeregt, angespannt bis in jede Körperfaser. Später, als er sie benutzt und fallengelassen hat, und sie beruflich gescheitert ist, scheint sie innerlich hohl, leer, wie ausgebrannt. Eine herausragende darstellerische Leistung in dem harmonisch, aber wenig auffällig agierenden großen Ensemble.

Ebenso beeindruckt Marie-Thérèse Fontheim, die als Mascha ein Gefühl von Irrlichtern und Verbrennen erzeugt. Mascha säuft Wodka mit einer fast zärtlichen Hingabe. Mascha flippt tanzend einen Moment lang total aus, mit Headbanging und ekstatischem Zappeln. Mascha klammert sich an die Hoffnung auf Liebe. Und wirkt am Ende des Stücks wie innerlich vergletschert neben dem ungeliebten Ehemann. Toll.

Anfangs werden der Landgesellschaft Schnittchen gereicht, später schmiert man Buttertoast. Und wenn alle hastig kauen, immer mehr greifen, mit halbvollem Mund und im Grunde gedankenlos die Konversation weiterführen, dann wird nochmal ganz nebenbei deutlich gemacht, wie sich unsere ewige Ichbezogenheit selbst in den Beiläufigkeiten des Alltags zeigt.

Wieder am 27.12., 7.1.

Karten: 0551-496911.

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