Literaturherbst: Die Diva Kracht und der Grandseigneur Nooteboom

Christian Kracht

Göttingen. So unterschiedlich treten Schriftsteller auf. Beim Göttinger Literaturherbst waren Sonntagabend im Deutschen Theater mit Cees Nooteboom und Christian Kracht zwei Extreme zu erleben.

Üblicherweise sind Lesungen bei diesem Festival eingebettet in Interviews. So auch beim 83 Jahre alten Niederländer Nooteboom, der von Joachim Dicks (NDR Kultur) freundlich befragt wurde. Nooteboom erzählte so gewinnend und charmant aus seinem langen Literatenleben, dass einem ganz warm ums Herz wurde.

Mit Christian Krachts Auftritt stürzte die gefühlte Temperatur ab. Der 49-Jährige kam im Dufflecoat mit Schal auf die Bühne, als sei er ein Durchreisender im Bahnhofswartesaal, las 75 Minuten, bedankte sich und ging. Zuvor die Ansage: „Wir wollen keine Fotos von dieser Veranstaltung.“ Auch Pressefotografen durften keine Aufnahmen machen. Anschließend bildete sich eine schier endlose Schlange. Viele junge Leute, die mit dem studentischen Kulturticket auch den dritten Rang füllten, ließen sich sein Buch „Die Toten“ signieren. Festival-Mitarbeiter verteilten Post-its, damit jeder lesbar den Namen aufschreiben konnte, den Kracht zum Autogramm setzen sollte.

Cees Nooteboom

Manchmal, berichtete Nooteboom („Die folgende Geschichte“), lasse sich ein junger Mensch einen Roman signieren, den er mit Anfang 20 geschrieben habe. „Kauf doch ein anderes“, denke er dann. Jedes Buch sei zwar für ihn wichtig gewesen, wie bei den eigenen Kindern könne er keinen Titel bevorzugen. Doch einige Bücher sind ihm fremd geworden: „Das Neueste ist immer das Beste.“ Nootebooms jüngste Veröffentlichung ist das Tagebuch „533 Tage“. Es verwebt Beobachtungen von der Balearen-Insel Menorca, wo der in Amsterdam lebende, aber stets viel reisende Autor ein Haus hat, mit Erinnerungen und Leseerlebnissen (etwa Canetti, Borges, Nabokov, Philip Roth).

Der 83-Jährige reflektiert über den Wind als „strengen Herrscher der Insel“, Menschen als Eindringlinge in der Natur, die Armut der Sprache („Wie viele Grüntöne gibt es?“). Er erzählt von Palmen, Pinien, Faltern und Schildkröten, vom Sternbild des Orion, „meinem Schutzheiligen“. Es ist immer da. Der Mensch ist in der Ewigkeit, im Kosmos ganz klein.

„Kaktusjahre, Spinnentage, Menschenzeit“, schreibt Nooteboom: melancholisch, doch erfüllt, dankbar, voller Lebensfreude. Plötzlich verspürt er „die Anwandlung, wie ein polnischer Papst die Erde meines Gartens zu küssen“.

Christian Kracht

Wo Nooteboom sich dem bewegungslosen Ausharren einer Spinne oder einer Motte widmet, geduldig, wie mit dem Makroobjektiv betrachtet, schaut Christian Kracht aufs Geschehen aus dem kühl-distanzierten Blickwinkel der Vogelperspektive. Der 49-Jährige wirkte wie aus der Zeit gefallen, als habe er an der ersten Eiger-Nordwand-Besteigung, an Shackletons Polarexpedition oder irgendeinem anderen Abenteuer teilgenommen.

Kracht („Faserland“, „Imperium“) las aus dem jüngsten Roman. „Die Toten“ erzählt vom Schweizer Emil Nägeli, dem Alfred Hugenberg, Ufa-Chef und mächtigster Mann des deutschen Kinos, das Angebot einer überwältigend teuren deutsch-japanischen Produktion macht, um Hollywood auszustechen: Film als Propaganda, Kino als Krieg mit anderen Mitteln. Mit seinen Schilderungen des fiebrigen Berlin am Übergang von Weimarer Republik zur Nazi-Machtergreifung – der fiktive Nägeli trifft historische Figuren wie Hitler-Freund „Putzi“ Hanfstaengl, Heinz Rühmann, Siegfried Kracauer, Lotte Eisner – zog Kracht sofort in den Bann. Meisterhaft ist seine elaborierte Sprache. Der Regisseur fühlte sich bei Hugenberg – „er lächelt wie das garstige Schwein, das er ist“ – wie ein Kanarienvogel im Bergwerk, der auf giftige Dämpfe wartet. www.literaturherbst.com

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