Literaturherbst-Matinee: Negt und die zentnerschweren Gedanken

Gut gelaunt: Der Sozialphilosoph Oskar Negt präsentierte im Deutschen Theater Göttingen beim Literaturherbst seine Autobiografie „Überlebensglück“ und die 20-bändige Werkausgabe, just erschienen bei Steidl. Foto: Pförtner/nh

Göttingen. Die Bühne im Deutschen Theater ist bereitet: Von der Decke hängen Transparenzfahnen mit Titeln von Texten und Büchern. Auf der Bühne stapeln sich Kisten, beschriftet mit „Negt-Werkausgabe“. Die Matinee mit Oskar Negt beim Literaturherbst ist stimmungsvoll und hoch interessant.

Das liegt an den vortrefflich ausgewählten und von DT-Schauspieler Bardo Böhlefeld prima gelesenen Textpassagen aus der frisch bei Steidl erschienenen Negt-Autobiografie „Überlebensglück“ – und es liegt an einem locker aufgelegten Oskar Negt.

Der beantwortet zwar nicht jede – gern ausufernde – Frage des Moderators Stefan Lohr („Stefan, was willste jetzt eigentlich wissen?“), aber erzählt humorvoll und eindrucksvoll über den Entstehungsprozess der späten Autobiografie: Negt ist 82 Jahre alt.

Der Sozialphilosoph spricht auch über den Wert der Familie und wie stark die Flucht, damals von 1945 aus Ostpreußen bis 1955 nach Westdeutschland, ihn beeinflusst hat. Dabei kommen auch schöne Geschichten vor: Er benennt den heimischen Hof als wunderbaren „Spielplatz“ und die Anekdote über einen Storch und seine Geburt, die ihm seine Schwester Ruth erst viel später erzählt hat.

Die Arbeit an der Autobiografie habe vieles aus seinem Inneren zu Tage gefördert: Verschüttetes, Verdrängtes, aber auch Verletzliches. Wie die Gedanken an eine Flucht, die Oskar Negt für das Leben geprägt haben. Ein Leben, das glücklich verlief, ihn zu einem positiven, dabei überaus kritischen Menschen und Kämpfer für die menschliche Gesellschaft machte. „Einen fairen Kritiker“, wie dem Ur-Sozialdemokraten Negt sein Duz-Freund und Alt-Kanzler Gerhard Schröder bescheinigt.

Schröder sitzt mit auf der Bühne. Den großen Auftritt und Antrittsapplaus bekommt er aber nicht. Der Vormittag gehört dem Schröder-Kritiker-Freund Negt. Und am Ende auch Gerhard Steidl, der erneut Mut bewiesen hat: eine 20-bändige, zentnerschwere Werkschau Negts herausbringt, mit mehr als 4800 Seiten Gedankengut des Hannoveraners Negt. „Hoffentlich wiegt auch der Inhalt schwer“, lacht der und will Steidl nicht das letzte Wort der intensiven Veranstaltung überlassen: Negt bedankt sich bei Steidl für den teilweisen Verlust an „betriebswirtschaftlicher Vernunft“, die eine Werkausgabe möglich gemacht hat. Steidl aber will das so nicht stehen lassen: „Ohne Autoren wären wir Verleger nichts. Danke, dass du mir seit 22 Jahren Arbeit gibst.“ Riesenapplaus.

Ganz zum Schluss signiert Negt noch lange Bücher, spricht und lächelt. Neben ihm sitzt seine Schwester Ruth. Sie ist über 90, schreibt und spricht und lächelt. Ein Einklang. Die Familienbande der Negts hält. Sie ist maßgeblich das Produkt einer zehnjährigen Flucht und einer davor schönen Kindheit auf dem „Spielplatz“ Bauernhof in Kapkeim, Ostpreußen. (tko)

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