Ausverkaufte Veranstaltungen und eine frisch-freche Katharina Bauerfeind

Literaturherbst startet stürmisch

Gut drauf: Lachen, auch über sich selbst, das kann Katrin Bauerfeind und beweist das zum Literaturherbstauftakt am Freitagabend im ausverkauften Alten Rathaus. Foto: Kopietz

Göttingen. 300 Menschen im ausverkauften Alten Rathaus, nicht viel weniger in der Paulinerkirche und im Außenposten Grenzmuseum Teistungen – der Start des 23. Göttinger Literaturherbstes am Freitagabend war stark.

Während in der Paulinerkirche Olaf Fritsche zeitgleich populärwissenschaftlich erklärt, welche Zufälle den Menschen überhaupt erst möglich gemacht haben, zeigt ein freches, fesches Menschenkind auf der Bühne um die Ecke im Rathaus, welch´ komische Dinge so ein nun weit entwickelter Homo Sapiens in seinem schnöden Alltag erlebt.

Katrin Bauerfeind erzählt mit angenehm kräftiger Stimme nämlich banale, aber meist lustige Geschichten. Ihren Beststeller „Mir fehlt ein Tag“ nimmt sie dabei nicht in die Hand – nur ein Manuskript und vieles kommt frei über die Lippen.

Bauerfeind steht gerne auf der Bühne, das merkt der Zuschauer schon beim Aufgang – gleich nach dem gefährlichen Abgang über die dunkle Treppe im Alten Rathaus: „Hallo Göttingen!“, kommt eher einem Popstar nahe als einer Buchautorin. Eine typische Vertreterin dieser Art ist Bauerfeind ohnehin nicht. Sie schreibt und erzählt locker über sich und lieber noch über ihre Missgeschicke. Das fällt der schlanken, attraktiven Frau leicht.

All die Unzulänglichkeiten, die sie durchaus etwas übertrieben als Scheitern, wenn auch der leichten Art, bezeichnet, nimmt ihr der Zuhörer ab. Die Problemchen mit eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten und die – grandios gescheiterte – Testphasen beim Haarewaschen ohne Shampoo und dem anschließenden Mehl-Einsatz zur Fettbekämpfung im Haar eher nicht. Macht aber nix. Unterhaltsam ist das allemal. Im überwiegend weiblichen Publikum wird herzhaft gelacht.

Doch es geht auch anders. Den kräftigsten Zwischenbeifall bekommt sie für eine tragisch-komische Geschichte, die von ihrer demenzkranken Oma, einer kernigen Schwäbin – Bauerfeind stammt aus Aalen, handelt. Der Spagat gelingt, denn Demenz hat auch komische Seiten. Und diese Aussage ist stark: „Stolz sein auf die Oma in mir!“

Katrin Bauerfeind kann aber auch richtig böse, wenn sie verständnislos darüber erzählt wie Menschen Eltern werden und nicht mehr zu gebrauchen sind – schon gar nicht im Gespräch. Oder wenn sie darüber herzieht, dass die Abkürzung „LG“ am Ende einer Mail so ist wie ein „Zungenkuss ohne Zunge und Lippen – nur mit Spucke“.

Nicht übel ist auch das Loblied auf das Rauchen – mit folgendem Ende: „Das Rauchen unterscheidet uns vom Tier!“

Gescheitert ist die Frau des Scheiterns am Freitag nicht. Sie darf noch lange Bücher signieren, nachdem sie das Publikum gelobt hat. „Göttingen ist im Ranking ganz weit oben!“ Zweiflern ruft sie entgegen: „Das ist das einzige, was heute Abend nicht gelogen war!“

Literaturherbstbilanz Tag 1: Irgendwie schön, dass erst die Zufälle den Menschen möglich machten, und damit auch solch erfrischende wie K. B.

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