Literaturherbst: Teufelsgeiger kann mit Engelszungen sprechen

Gemeinsam auf der Bühne: Musikerin Carolin Widmann, Musikkritiker Harald Eggebrecht und Musikwissenschaftlerin Christine Hoppe. Foto: Lawrenz

Göttingen. Wer gehofft hatte, virtuoses Violinspiel zu hören, der wurde enttäuscht an diesem Abend. Die Ausnahmegeigerin Carolin Widmann spielte nicht viel mehr als zwei Tonleitern im Göttinger Accouchierhaus.

In der Reihe „science & arts“, einer Kooperation des Literaturherbsts und der Georgia Augusta ist die Musikerin mit dem Kulturpublizisten Dr. Harald Eggebrecht und der Göttinger Musikwissenschaftlerin Dr. Christine Hoppe beim Literaturherbst aufs Podium getreten. Gemeinsam sprachen sie über „das Geheimnis der Geige“.

Dass ein Teufelsgeiger mit seinem Instrument mit Engelszungen sprechen kann, beschrieb Eggebrecht gleich zu Anfang und schlug damit den Bogen für die unglaubliche Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten.

Diese einzigartige Vielfalt habe schon der Philosph und Komponist Rousseau hervorgehoben. Mit einem barocken Instrument und einer jetzt gebräuchlichen Geige machte Widmann den Klangunterschied zwischen Darm- und Stahlsaiten hörbar.

Schon das Holz, aus dem eine Geige gebaut ist, bestimmt den Lebensweg des Instruments. Eggebrecht verfolgte mögliche Wege. Holz aus dem Maunder-Minimum – einer extremen Kälteperiode, die zwischen 1645 und 1715 herrschte – zeichnet die Instrumente aus, die Antonio Stradivari (1648 bis 1737) baute.

An die 1000 Geigen erschuf er. Ihr einzigartiger Klang ließ den Preis bis in zweistellige Millionenhöhe klettern. Schon diese immensen Preise seien ein Alleinstellungsmerkmal, waren sich Widmann und Eggebrecht einig.

Unterhaltsame Episoden

Eggebrecht verstand es, die Geigengeschichte in unterhaltsame Episoden zu verpacken. So ließ er auch die Geschichte nicht aus, dass die G-Saite der Geige Paganinis aus dem Darm seiner Geliebten stammte; es heißt auch, dass er sie umgebracht habe. Über seine Frau erzählte Paganini, dass sie ihn wohl nur geheiratet hätte, damit sie ihn kostenlos spielen hören könne. Mit dem „Schatten Paganinis“ und der „Virtuosität in Kompositionen von Violinvirtuosen am Beispiel Heinrich Wilhelm Ernsts (1814 bis 1865)“ hat sich Hoppe auseinandergesetzt. Sie blieb die Wissenschaftlerin, Eggebrecht und Widmann war anzumerken, dass sie gern vor anderen Menschen brillierten, er wortgewandt, sie mit ihren Spielen auf der Geige. Einmal blies sie in den Instrumenten-Körper und hörte ihrem Atem hinterher.

Unglaublich viel Wissenswertes vermittelten die drei Spezialisten. Das Geheimnis der Geige lüfteten sie nicht. „Ich glaube, dass wir am Ende mehr Geheimnis vor uns haben als am Anfang“, schloss Eggebrecht den bereichernden Abend.

Von Ute Lawrenz

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