Organskandal: Werte erst ermittelt, dann gelöscht – Eurotransplant nicht informiert

Im Fokus: Die Vorgänge im Transplantationszentrum der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) beschäftigen die Ermittler. Nach und nach sickern Einzelheiten durch. Foto: dpa

Göttingen. Im Transplantationsskandal in der Göttinger Universitätsmedizin (UMG) sind Details zur Manipulation bekannt geworden. Scheinbar waren zwei Abteilungen daran beteiligt: die Abteilung Gastroenterologie/Endokrinologie sowie die Transplantationschirurgie.

Den ehemaligen Leiter hatte die Universitätsmedizin im Dezember entlassen. Bei den internistischen Voruntersuchungen von Leberkranken in der Abteilung Gastroenterologie und Endokrinologie sollen falsche Laborwerte erhoben worden sein. Die falschen Blutwerte und Dialyseprotokolle wurden dann an die Transplantationsabteilung weitergeleitet, die sie an die Stiftung Eurotransplant, die die Organwarteliste führt, übermittelte. Auf diese Weise sollen Patienten unberechtigt auf eine vordere Stelle auf der Warteliste für Spenderorgane gekommen sein.

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Dabei soll es mehrfach vorgekommen sein, dass Laborärzte wegen der teilweise dramatisch hohen Werte stutzig wurden und deshalb eine Überprüfung veranlassten. Die neuen Untersuchungen ergaben andere Befunde. Daraufhin wurden zwar die falschen Werte gelöscht und die Daten entsprechend korrigiert – wohl aber nur intern. Eurotransplant wurde nicht darüber informiert, dass die Werte falsch waren. Eurotransplant-Mitarbeiter hätten so die Göttinger Manipulationen nicht bemerken können. Das könnte die Lücke gewesen sein, die von den Beteiligten genutzt worden sei, sagte UMG-Sprecher Stefan Weller.

Der beurlaubte 60-jährige Internist arbeitet seit 20 Jahren am Uni-Klinikum und zählt zu den renommierten Medizinern der UMG. Er trat auch öffentlich in Erscheinung. Zum Aufgabengebiet, der Behandlung von Magen-, Darm- und Leberkrankheiten, gehört auch die Betreuung und Untersuchung von Lebertransplantationspatienten vor und nach der Operation. Die Abteilung ist deshalb mit der Transplantationschirurgie verzahnt.

Der Abteilungsleiter Gastroenterologie sei mit den Untersuchungen befasst gewesen und habe Einfluss auf den „Meld-Score“ der Stiftung Eurotransplant gehabt, sagte der Sprecher der Göttinger Staatsanwaltschaft Andreas Buick.

Bislang gibt es allerdings keine gesicherten Hinweise darauf, dass tatsächlich Geld geflossen ist. So waren die Patienten, die bevorzugt zu einer Spenderleber kamen, meist Kassenpatienten.

Der Leiter der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, Professor Hans Lilie, lobt derweil die Aufklärungsarbeit der Universitätsmedizin: „Da wird nichts vertuscht, sondern schonungslos und ohne Rücksicht auf Verluste aufgeklärt“, sagte der Medizinrechtler. (pid/tko)

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