Pfandsystem läuft noch nicht

Markt-Check in 21 Geschäften: Mehrweg-Kaffee-Becher noch nicht „in“

+
Hier gibt es den Becher: in der Bäckerei Küster in der Jüdenstraße. Küster-Geschäftsführer Eike Hillebrecht füllt Kaffee in einen Fair-Cup-Becher. Kunden bekommen den Becher für 1 Euro. Für Kaffe im eigenen Becher erlässt die Bäckerei 10 Cent.

Göttingen. Kaffee zum Mitnehmen – „Coffee to go“ – ist in. Die Folge sind ein Müllberg an Wegwerf-Kaffeebechern. In Göttingen gibt es ein – von Schülern – entwickeltes Pfandsystem für Becher.

Doch diese Mehrwegbecher werden in Deutschland zu wenig angenommen.

Test: 21 Läden in 5 Städten

Das hat die Verbraucherzentrale Niedersachsen festgestellt. Grundlage ist ein – statistisch nicht repräsentativer, aber durchaus einen Eindruck vermittelnder Markt-Check in 21 Bäckereien und Coffee Shops, die Kaffee zum Mitnehmen anbieten, in Celle, Göttingen, Hannover, Oldenburg und Stade.

Gefragt wurde, ob die Geschäfte Kaffee in einen mitgebrachten Becher füllen, einen Preisnachlass gewähren und Mehrwegbecher im Verkauf oder ein Pfandsystem anbieten.

12 von 21 nutzen Mehrweg

Gut die Hälfte der Geschäfte (12 von 21) füllte den Kaffee in den mitgebrachten Becher, Rabatt (10 bis 30 Cent) gab es jedoch nur in sieben Shops – die Einsparung der Kosten für den Wegwerfbecher wurde also von fünf Läden nicht an die Kunden weitergegeben.

Einen eigenen Mehrwegbecher zum Kaufen hatte im Test nicht einmal jedes dritte Geschäft im Angebot.

Pfand nur in Göttingen

An einem Pfandsystem nahm lediglich eine Bäckerei teil (Pfand: 1 Euro), sechs weitere Shops gaben aber an, Interesse an einem Pfandsystem zu haben. Bei dem Pfandsystem handelt es sich um die Initiative „Fair Cup“ von Berufsschülern aus Göttingen. Der Mehrwegbecher ist aus spülmaschinenfestem Kunststoff und kann 400-mal benutzt werden. Der Einwegdeckel wurde für dieses System neu entwickelt und besteht aus 100 Prozent biologisch abbaubarem Kunststoff. Auch ein Pfandbecherautomat wurde entwickelt, den es so bisher noch nicht gab.

Mc Donalds enttäuscht

Enttäuschend: McDonalds (McCafé) hat den Kaffee nicht in den Kundenbecher gefüllt – obwohl dies seit 2016 beworben und ein Rabatt von zehn Cent versprochen wird. Bei Tchibo wurde der mitgebrachte Becher zwar gefüllt, aber noch kein Preisnachlass gewährt.

Ministerium empfiehlt

Um die Akzeptanz der wiederverwendbaren Becher zu erhöhen, hat das niedersächsische Verbraucherschutzministerium im April eine Handlungsempfehlung für Geschäfte herausgegeben. Sie erklärt, was Verkäufer beachten sollten, wenn sie mitgebrachte Kundenbecher annehmen.

Wichtig ist, dass er nach jedem Gebrauch sorgfältig gereinigt wird und beim Abfüllen nicht die Kaffeemaschine oder den Zapfhahn berührt.

Unstrittig ist: Bei richtiger Handhabung und längerem Gebrauch hilft der Mehrwegbecher Müll zu vermeiden, die Umwelt wird geschont.

Millionen Becher im Müll

Die Belastung ist enorm: Bei einem Durchschnittsverberauch von 60 Bechern pro Jahr und Kopf in Göttingen landen etwa 7,7 Millionen Becher in der Mülltonne.

Viele Initiativen fordern deshalb, Pappbecher zu verbieten und auf Mehrwegbecher umzusteigen. Aber: Kaffee in mitgebrachte Becher zu füllen, ist bisher freiwillig, da der Verkäufer das Haftungsrisiko trägt.

Rechtlich kein Problem

Rechtlich gesehen ist die Befüllung von eigenen, mitgebrachten Bechern nicht verboten. Sie müssen vom Personal der Gastronomiebtriebe allerdings auf Sauberkeit überprüft werden, sagt Maja Heindorf von den Göttinger Entsorgungsbetrieben.

Fair-Cup tolles Projekt

Die GEB unterstützt den Göttinger „Fair Cup“: „Der dadurch einhergehende Ressourcenschutz durch Wasser-, Energie- und Rohstoffeinsparung ist beachtlich“, sagt Maja Heindorf: „Das ist ein tolles Projekt.“ Sie und viele Umweltschützer hoffen, dass diese Initiative noch besser vom Kunden, aber auch von den augebenden Geschäften angenommen wird.

www.fair-cup.de

Das sagen die Anbieter in Göttingen

Einige Bäckereien in Göttingen bieten den Fair-Cup-Becher an. Die Resonanz fällt dabei noch nicht so gut aus.

Die Bäckerei Ruch erlässt Kunden mit eigenem Becher zehn Cent auf den Kaffee. Viele der Stammkunden bringen tatsächlich einen eigenen Becher mit, sagt Bäckereifachverkäuferin Ayse Kösterelioglu. Mit dem Fair-Cup tut sie sich dennoch schwer , genauso wie ihre Kunden. „Hier kriegen Sie keinen Milchkaffee rein“, sagt sie und zeigt auf den Fair-Cup. Die Größe stimme nicht und heiß werde der Becher auch, wenn Kaffee drin ist.

Auch Eike Hillebrecht, Geschäftsführer von Küster, hatte sich mehr von dem Mehrwegbecher erhofft. Er findet zwar das Projekt gut und seine Filialen unterstützen es auch – die Becher stapeln sich auf dem Tresen, man bekommt sie für einen Euro Pfand. Aber: „Es fehlt noch an Feinarbeit.“ Auch in seiner Bäckerei passt nicht jeder Kaffee aus dem Automaten in den Becher. Das Prinzip eines Mehrwegbechers kann seiner Meinung nach nur funktionieren, wenn der Gesetzgeber klare Vorgaben macht. Das sei durchaus wünschenswert, denn jede Stunde würden umgerechnet 320.000 Pappbecher verbraucht.

Selbst das Franchise-Unternehmen Backwerk in Göttingen unterstützt es, wenn Kunden mit eigenem Becher kommen. Den Fair Cup gibt es dort nicht, auch keinen Rabatt. Aber das Mitbringen eines eigenen Bechers ist durchaus gewünscht, sagt Filialleiter Slawomir Herold.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.