Ex-Mitarbeiter gibt Hinweis – Ärztekammer-Chef kritisiert Universitätsmedizin

Organ-Skandal: Hinweis auf Altlasten in den 90er-Jahren

Göttingen. Kein Tag ohne neue Einzelheiten zum Organ-Skandal und zu den zwei verdächtigen Medizinern der Göttinger Universitätsmedizin (UMG): Gab es bereits ab Mitte der 90er-Jahre Manipulationen bei der Verteilung von Spenderorganen an Patienten?

Die Staatsanwälte prüfen den Hinweis eines ehemaligen Mitarbeiters. Der hatte von „Auffälligkeiten“ bei Transplantationen von 1995 bis 1998 berichtet, als auffallend häufig Italiener als Empfänger bei Transplantationen zum Zuge gekommen sein sollen. Der wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und fahrlässigen Tötung beurlaubte Direktor der Abteilung Gastroenterologie – sie betreut Transplantationspatienten vor und nach der Operation – ist italienischer Abstammung.

Mitarbeiter und Kollegen des Professors hätten schon 1995 an der Vergabepraxis gezweifelt. Die UMG-Leitung hegt daran Zweifel, nimmt aber den Hinweis des Ex-Mitarbeiters ernst und hat ihn der Staatsanwaltschaft gemeldet. Kritik an der UMG kommt auch aus der Bundesärztekammer. Nachdem noch am Freitag der Leiter der ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer die Aufklärungsarbeit in der UMG gelobt hatte („Da wird nichts vertuscht“) äußerte Ärztekammer-Chef Frank Ulrich Montgomery Kritik an der Klinik.

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Er bezieht sich dabei auf die Verpflichtung des Oberarztes im Jahr 2008, der schon 2005, als er in Regensburg arbeitete, ein Organ illegal nach Jordanien vermittelte: „Dass in Göttingen von den Regensburger Fällen nichts bekannt gewesen sein soll, ist schon ein starkes Stück“, sagte Montgomery. Die UMG hatte mitgeteilt, nichts über den Fall gewusst zu haben. Klar war 2008, als die leitende Stelle in der Transplantationschirurgie neu besetzt werden sollte, dass der Kandidat einen hervorragenden Ruf in der überschaubaren Landschaft der Transplantationsmedizin hatte.

Er verfügte über große Erfahrung, galt als Top-Chirurg und exzellent vernetzter Mediziner, wie ein Ex-UMG-Mediziner der HNA bestätigte. Nach der Verpflichtung ging es mit den Transplantationszahlen im Klinikum bergauf: Etwa 50 Leberverpflanzungen – Kosten etwa 150 000 Euro pro Eingriff – fanden jährlich in der Abteilung unter dem heute 45-jährigen Chirurgen statt, der damit die Erwartungen erfüllte, aber auch nur etwa ein Prozent des UMG-Umsatzes einspielte. Er vertrat die Klinik zudem positiv nach außen – wie es im Übrigen auch der 60-jährige Abteilungsdirektor getan hat, der als eloquenter, offener Typ auch häufig bei Veranstaltungen dabei war.

Alles lief also scheinbar zur Zufriedenheit, Zweifel an der Verpflichtung des ehemaligen Regensburger Chirurgen schienen unbegründet. Insider aber wundern sich im Nachhinein nicht, dass ausgerechnet gegen besagten Chirurgen und den Direktor ermittelt werde. Übrigens: Gutachter haben die Patientendaten überprüft: Statt 140 stehen nun 66 Göttinger Patienten auf der Eurotransplant-Liste, meldet „Der Spiegel“ am Montag. (tko)

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