Grüne fordern Entschädigung

Medizinversuche mit Kindern: Für Göttinger Uni-Medizin ist vieles noch unklar

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Göttingen – Die Opfer von Medikamentenversuchen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten müssen laut der Grünen im niedersächsischen Landtag schnell und unbürokratisch entschädigt werden.

Die damals von Kindern und Jugendlichen erlittenen Qualen und das daraus entstandene Leid seien durch nichts wieder gutzumachen, sagt Fraktionschefin Anja Piel. Umso wichtiger sei es, Täter, Mitwisser und beteiligte Pharmaunternehmen zu identifizieren und nach Möglichkeit noch zur Verantwortung zu ziehen. Piel forderte eine weitere Aufklärung. Problematisch sei, dass nicht alles Unrecht dokumentiert worden sei. Opfer könnten sich zudem nicht an jede leidvolle und traumatisierende Erfahrung lückenlos erinnern.

Ministerin gefordert

Piel erwartet von Sozialministerin Carola Reimann (SPD), dass sie unabhängig von weiteren Studien schnell einen Vorschlag macht, wie die niedersächsischen Opfer entschädigt werden könnten,

Hintergrund sind die Ergebnisse einer Studie der Boschstiftung über Medikamentenversuche an Kindern und Jugendlichen in Niedersachsen zwischen 1945 und 1976. Ergebnis: Es gab Medikamenten- und Impfversuche an Heimkindern in den kinderpsychiatrischen Abteilungen des psychiatrischen Krankenhauses Wunstorf und der Universität Göttingen, den Rotenburger Anstalten und im heilpädagogischen Kinder- und Jugendheim Brunnenhof in Rehburg-Loccum.

Opferzahl unklar

Prof. Claudia WiesemannGöttinger Medizinethikerin

So seien an den Mädchen und Jungen Substanzen getestet worden wie Neuroleptika, Antidepressiva, Bromverbindungen, Barbiturate, Antiandrogene, Antiepileptika und Vitaminderivate. Versuche fanden auch mit Polioimpfstoffen statt. Noch ist unklar, wie viele Kinder und Jugendliche betroffen waren, auch, weil die Aktenlage schwierig ist.

Schwierige Aktenlage

Dieses Problem der schwierigen Aktenlage und der zurzeit herrschenden Unklarheit benennt auch Prof. Dr. Claudia Wiesemann. Die Leiterin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) hat die Forscherinnen der Studie unterstützt und den Zugang zu Personal- und Patientenakten gewährt, „soweit diese noch auffindbar waren“.

Gab es Kooperationen?

Aus der Quellenlage ist aktuell auch noch nicht ersichtlich, ob und in welcher Form die Kliniken mit Pharmaunternehmen kooperierten. Grundlage für die Studie der Boschstiftung seien die „Publikationen der entsprechenden Wissenschaftler“, sagt Wiesemann.

Ebenfalls noch nicht bekannt ist in Göttingen, dass einzelne Einrichtungen der Klinik in Absprache oder Auftrag bei den Versuchen mit Heimen gearbeitet hätten.

Gab es Verstöße?

Ob und wie viele Einwilligungen von Eltern oder Betreuer der betroffenen Kinder vorlagen, könne an Hand der Patientenakten ebenfalls nicht immer nachvollzogen werden. „Das ist seitens der Studie auch noch nicht abschließend untersucht“, sagt Claudia Wiesemann. Letztlich ist nach Ansicht der Medizinethikerin auch noch nicht gesichert, „ob in Göttingen an Einrichtungen der Uni-Klinik bei Versuchen gegen damals geltende Forschungsstandards verstoßen wurde“. Der UMG sei es aber generell ein Anliegen, „das Bewusstsein für die Bedeutung ethischer Standards der Forschung am Menschen zu schärfen“. Deshalb unterstütze man das historische Forschungsprojekt mit Nachdruck.

Folgeschäden unklar

Die Fragen nach einer konkreten Entschädigung für Opfer stellt sich aktuell in Göttingen noch nicht: „Bislang liegen keine Anhaltspunkte für Folgeschäden vor“, sagt Claudia Wiesemann, die auf den Fortgang der Prüfungen verweist: „Weitere Einzelfallprüfungen an Hand von Patientenakten werden noch erfolgen.“

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