Neue Chronik: Mehr als nur die Geschichte der Jüdischen Gemeinde

Jüdische Gemeinde Göttingen stellt ihre Chronik vor: Verfasst hat sie Katja Langenbach (vorne mit dem Buch), von links: Stadtarchivar Erich Böhme, Jaqueline Jürgenliemk (Vorsitzende Jüd. Gemeinde), Susanne Levi Schlesier (Geschäftsführerin) und Heiner Willen (Gesellschaft für Christl-jüdische Zusammenarbeit Göttingen). Foto: Schröter

Götitngen. Vereinschroniken gibt es viele – ansprechend gestaltete und intensiv recherchierte schon weniger häufig: Die Jüdische Gemeinde Göttingen hat jetzt eine Chronik, die über den Status der Vereinsschrift hinausgeht und zudem fein gestaltet ist.

Das gebundene Buch – gedruckt im Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ und in blauem Grundton gehalten, ist das Werk von Katja Langenbach. Obwohl die Autorin darauf verweist, dass das Layout und das Buch ohne Christine Gerlach so nicht entstanden wäre. „Sie hat mir sehr geholfen, ebenso wie die Historikerin Cordula Tollmien.“

Gemeinschaftswerk

Helfend zur Seite standen aber noch weit mehr Menschen, nicht nur aus den Reihen der Gemeinde, wie auch Stadtarchiv-Leiter Erich Böhme. Sie halfen beim Puzzlespiel, trugen das Material zusammen, stellten die Protokolle zur Verfügung, wählten aus, prüften und lasen Texte gegen. So ist das Buch „Die Geschichte der Juden und der Jüdischen Gemeinde Göttingen nach 1945“ als Gemeinschaftswerk entstanden.

Kleinarbeit

Dabei war die Ausgangslage zunächst nicht erbaulich: „Es gab keine Vorlage, es war wenig Zusammenhängendes vorhanden“, sagt Katja Langenbach, die 2009 nach Göttingen kam, in die Heimatstadt ihrer Tochter Jaqueline Jürgenliemk, die heute Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde ist.

spiegel der Vereinsarbeit

Die entstandene Chronik spiegelt eine lebendige Vereinsarbeit in vielen Facetten wieder: Da ist natürlich das Gemeindeleben mit allen religiösen Veranstaltungen. Da ist aber auch die Gemeinde als Beispiel für Integrationsarbeit, denn die kleinen jüdischen Gemeinden in Deutschland wuchsen um die Jahrtausendwende mit der enormen Zahl von Spätaussiedlern, in Göttingen vornehmlich aus den ehemaligen GUS-Staaten. „Ja, es war und ist eine große Integrationsarbeit“, sagt Autorin Langenbach. So waren und sind mehr als 90 Prozent der Gemeindemitglieder Spätaussiedler, die in den Jahren 1990 bis 2004 verstärkt nach Deutschland, auch nach Göttingen, kamen. Sie füllten das Vereinsregister, in dem zum Ende der 60er-Jahre nur noch fünf jüdische Menschen vermerkt waren. Ende 2014 waren es rund 150.

Jüdische Familien

Die Chronik spiegelt auch, dass immer wieder jüdische Familien an die Universität Göttingen und so in die Jüdische Gemeinde kommen, aber meist nur auf Zeit. Dauerhafte Mitglieder der Gemeinde sind sie oft nicht.

Ein Highlight in der Geschichte der Jüdischen Gemeinde Göttingen ist sicher die Entdeckung der Bodenfelder Synagoge, die einem Bauern als Scheune diente. Die Gemeinde gründete 1996 einen Förderverein, kauft und holte die Synagoge nach Göttingen, wo sie in der Angerstraße nach Vorgaben des Denkmalschutzes wieder aufgebaut und am 9. November 2008 eingeweiht wurde.

Zusammenarbeit

Gewürdigt wird auch eine besondere Initiative: Der Verein für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der viel für eben diese interkonfessionelle Kooperation getan hat.

Geschichte über Menschen

Die Vereinschronik ist aber auch eine Geschichte von und über Menschen wie Harald und Christine Jüttner, Brigitta Stammer, Jaqueline Jürgenliemk und viele andere. Sie werden gewürdigt, nicht in hochtrabenden Lobeshymnen, sondern dadurch, dass sie des öfteren in Wort und Bild auftauchen. Und: Auch Streitigkeiten, wie mit konservativen Mitgliedern und der draus resultierenden Abspaltung der Jüdischen Kultusgemeinde.

Verkauf im Büro

Die für viele interessante Chronik gibt es im Büro der jüdischen Gemeinde, Angerstraße 14, donnerstags zwischen 10 und 12 Uhr zum Preis von 15 Euro.

Von Thomas Kopietz

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