Neues Boat-People-Stück "Brenne": Vom Hoferben zum Gotteskrieger

Szene aus „Brenne“: Dabei hat das Boat People Projekt aus Schillers „Räuber“ als Grundlage ein modernes Stück gemacht. Foto: nh

Göttingen. Ein wieder wahrhaft heißes Eisen hat das Team vom Göttinger Boat People Projekt mit seiner neuesten Produktion „Brenne“ geschmiedet.

Bei der Uraufführung des Stückes von Christopher Weiß im Theater im ehemaligen Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) und jetzigen Flüchtlingswohnheim gab es kaum enden wollenden und begeisterten Applaus.

Mit Friedrich Schillers frühem Sturm und Drang-Schauspiel „Die Räuber“ als Grundlage hat Weiß ein modernes Stück verfasst, das der viel diskutierten Frage nach den Motiven nachgeht, warum sich junge, im Westen aufgewachsene Menschen dem IS als „Gotteskrieger“ anschließen und ob es ein Zurück für sie gibt. Weiß hat seinen Text geschickt immer wieder mit Zitaten aus den „Räubern“ durchsetzt. Das verleiht dem Text nicht nur interessante sprachliche Reize, sondern lässt auch staunen, wie gut diese über 230 Jahre alten Worte des Klassikers ins Thema und in unsere Zeit passen.

Auf der Flucht vor seinem bereits vorgezeichneten Lebensweg als Hoferbe verlässt Karl den väterlichen Besitz, um in Leipzig Politik zu studieren und versumpft im dortigen Nachtleben. Getrieben von einem inneren lodernden Wunsch, etwas Großes zu vollbringen, ein Held wie aus seinen Kindergeschichten zu sein und die Welt zu verändern, schließt er sich den „Gotteskriegern“ in Syrien an, mordet und schändet wie diese. Aufkommende Skrupel am skrupellosen Morden lassen ihn nach Hause zurückkehren. Ob es diesen Weg für ihn gibt, bleibt eine offene Frage des Stückes und schafft Raum für Diskussionen.

Matthias Damberg verkörpert Karl mit wenigen Unterbrechungen in einem fast durchgehenden Monolog mit der großen Leidenschaft eines jungen Mannes, dem man das innere Brennen, die verzweifelte Suche nach Sinn in seinem Leben abnimmt und dem man gespannt folgt.

Er spielt und spricht auch in einer Person die Auseinandersetzungen mit seinem Vater, die Dispute mit seinem Bruder Franz und das verliebte Zusammensein mit seiner Verlobten Amalia. Amüsant dabei, dass das jeweilige Gegenüber nur ein Kopf aus einer Kartoffel ist (der Vater ist Bio-Kartoffelbauer) und wie Spielfiguren im Modell eines Schlosses liegen. Eine schöne Idee, denn so wird die gesamte Vorgeschichte von Schillers Räubern spielerisch und wie nebenbei vermittelt (Regie, Dramturgie und Bühne Christopher Weiß, Gerd Zinck, Reimar de la Chevallerie).

Insgesamt eine in mehrerer Hinsicht gelungene Inszenierung: als Adaption von „Die Räuber“, als Entwicklungsstück und nicht zuletzt als Beitrag zu einem „brennenden“ Thema.

Die Inszenierung „Brenne“ des Göttinger Boat People Projekts wird mit Videos (de la Chevallerie) vervollständigt, die collageähnlich mit Feuer unterlegt auch den Krieg in Syrien, Demonstrationen und Hassprediger zeigen und mit dieser Symbolik dem Zuschauer unmittelbar klar machen, wie das Thema im wahrsten Sinne brennend aktuell ist.

In weiteren Rollen: Reimar de la Chevallerie als Karls Getreuer Schweizer, sowie jeweils in Videos Gerd Zinck (IS-Anführer), Safoan Zaher (Flüchtling), Andreas Jeßing (Gott), Christoph Kuhnt-Lenz (Vater) und Melina Delpho (Amalia).

Weitere Aufführungen: 20. und 21. Januar sowie 1. und 2. Februar, jeweils 19.30 Uhr. Karten für die Vorstellungen gibt es im Internet. www.boat-people-projekt.de

Von Carmen Barann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.