Kapelle zum letzten Mal beim Erntefest

Renhäuser Blasmusiker müssen aufhören - auch als Festkapelle in Bad Sooden-Allendorf

Seit 1982 fester Bestandteil des Allendörfer Erntefestes und legendär: Die Festkapelle Renshäuser Blasmusik, hier im Festumzug im August 2002 traditionell Erntekranz und -krone voranmarschierend. Archivfotos: Thomas Kopietz/Stefan Forbert
+
Seit 1982 fester Bestandteil des Allendörfer Erntefestes und legendär: Die Festkapelle Renshäuser Blasmusik, hier im Festumzug im August 2002 traditionell Erntekranz und -krone voranmarschierend.

Die Renshäuser Blasmusiker sind Kult – und das im Hessenland: Sie spielen alljährlich im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf groß auf und werden mit Ovationen gefeiert.

Bad Sooden-Allendorf/Renshausen – Nach vier Jahrzehnten Heldenstatus dort ist aber Schluss: Die Renshäuser aus dem Eichsfeld spielen dort am Wochenende zum letzten Mal beim legendären und farbenprächtigen Erntedank- und Heimatfest auf. Der Nachwuchs fehlt. Und Corona hat den Renshäuser Blasmsukern den Rest gegeben.

Zumindest als Musiker werden die Jünemanns und ihre Truppe am Wochenende zum letzten Mal in die Badestadt kommen. Das 40. Mal, dass ihre Kapelle Renshäuser Blasmusik beim Allendörfer Erntedank- und Heimatfest auftritt, wird auch das letzte sein.

Eigentlich sollte das mit dem Abschiedskonzert am Sonntagmittag so gar nicht bekannt werden, sagt Herbert Jünemann, der langjährige Dirigent der Musikgruppe aus der kleinen südniedersächsischen Gemeinde Krebeck. Denn Abschiede seien so tränenreich und „das muss man nicht haben“.

Das wird sich aber nicht vermeiden lassen. Denn die Renshäuser Blasmusik ist nicht nur seit 1982 die Festkapelle, sondern längst ein wichtiger Bestandteil des traditionellen Erntefestes. Weil sie auch im Corona-Jahr 2020 beim Festgottesdienst dabei war und sich nun auch in diesem Jahr am zwar vom Festausschuss abgesagten, aber von Kirchengemeinde, Gastronomie und natürlich den Allendörfern in kleiner Form dennoch gelebten Fest beteiligt, kann noch das 40-Jährige gefeiert werden. Dann dürfte das Brüder-Trio Hubert, Herbert und Klaus Jünemann, die von Anfang an dabei sind, sowie Cousin Harald Jünemann, der im zweiten Jahr dazu stieß, noch einmal im Mittelpunkt stehen. Sie, außer Herbert alle Trompeter, haben dem Erntefest bis heute die Treue gehalten.

Den Dirigentenstab hat Herbert Jünemann, da etwas kränkelnd, vor drei Jahren an seinen Neffen Dennis Jünemann übergeben. Der ist natürlich auch dabei, wenn nach dem Begleiten des Festgottesdienstes auf dem Festplatz am Sonntagvormittag mit „Heimat, süße Heimat“ auf den Marktplatz gezogen wird und dort in kleinerer als sonst üblicher Besetzung noch mal ein oder eineinhalb Stunden gespielt wird.

120 Musiker insgesamt reichen nicht, die schon in der mindestens 35 Köpfe starken Festkapelle in Allendorf mitgespielt haben, blickt Herbert Jünemann zurück. Jahrzehntelang habe sich der Urlaub nach dem Erntefest gerichtet. Die drei Tage in Allendorf seien stets der Höhepunkt des Jahres für die Musikgruppe gewesen, das sei auch für ihren Zusammenhalt „etwas ganz Tolles“ gewesen. Für die Jugendspieler, die das erste Mal mitgehen durften, bedeutete das zugleich fleißig üben. Mittlerweile, bedauert der 61-Jährige, gebe es keinen Nachwuchs mehr, der ein Instrument erlernen will. Das, was vielen Vereinen heutzutage zum Problem wird, nennt er auch als Grund dafür, warum für die Renshäuser Blasmusik Schluss ist. Und: „Corona hat uns den Rest gegeben“.

1982 hatte sich auch nicht abgezeichnet, dass die Blaskapelle aus dem Erntefest nicht wegzudenken sein wird. Beim ersten Mal sei man, noch als „Huberts Musikanten“ ausgebuht und ausgepfiffen worden, weil man „Heimat, süße Heimat“ und Triolett ohne Noten spielte, erinnert sich Jünemann noch gut. Nur dank der Überredungskunst des damaligen Festausschussvorsitzenden Klaus-Ernst Rhenius und dem Versprechen, Noten aufzuschreiben, sei man im Folgejahr wiedergekommen. Heute, sagt er, kennen uns 50 Prozent der Allendorfer, von denen auch die Niedersachsen mittlerweile viele in freundlicher Art und Weise kennengelernt hätten. So werde er künftig nicht nur als Gast zum Erntefest kommen, sondern auch als Freund.

Ist ihm aus den vergangenen 40 Jahren eine besondere Begebenheit in Erinnerung geblieben. Einzelne Anekdoten will Herbert Jünemann lieber für sich behalten, aber je kleiner der Hinterhof war, in dem in Allendorf gespielt wurde, desto gemütlicher sei es geworden – und so fiel es schwer, sich zum Triolett am Montagabend wieder aufzuraffen.

Aber eines verrät er, was ihm „extrem im Herzen“ geblieben sei: Jener frühe Dienstagmorgen, an dem die Kapelle auf der Theke marschierte und die Übriggebliebenen im Zelt „Es gibt nur eine Festkapelle“ sangen. Jünemann: „Da ist man den Tränen nahe.“ Wetten, dass es am Sonntagmittag wieder dazu kommt?

Das Programm

Am Sonntag, 15. August, findet ab 10.30 Uhr ein ökumenischer Klappstuhlgottesdienst auf dem Franzrasen statt. Die örtlichen Gastronomen laden am Wochenende auf den Marktplatz ein, am Freitag ab 18 Uhr und am Montag zum Frühschoppen jeweils mit musikalischer Unterhaltung und am Sonntag ab dem Mittag zum Konzert der Renshäuser Blasmusik. (Stefan Forbert und Thomas Kopietz)

Chef der Renshäuser-Blasmusik Herbert Jünemann mit Erntefest-Präsident aus Bad Sooden-Allendorf, Stefan Lauer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.