Vorwurf: Körperverletzung mit Todesfolge

Organskandal: Göttinger Arzt in U-Haft

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Göttingen. Neue Entwicklung im Transplantationsskandal: Der frühere leitende Transplantationsmediziner der Göttinger Universitätsmedizin (UMG) sitzt in Untersuchungshaft.

Der Arzt sei am Freitag festgenommen worden, teilte die mit den Ermittlungen in dem Fall betraute Staatsanwaltschaft Braunschweig mit. Dem Mediziner werde in einem Fall Körperverletzung mit Todesfolge und zudem versuchter Totschlag in neun Fällen vorgeworfen. Er soll falsche Gesundheitsdaten seiner Patienten an die Vergabe-Organisation Eurotransplant gemeldet haben, die Patienten wurden dadurch „kranker“ gemacht, so dass sie bevorzugt Spenderorgane erhielten.

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Andere schwerstkranke Patienten wären deswegen auf der Transplantationsliste nach hinten gerutscht und hätten keine Spenderorgane bekommen und seien deshalb möglicherweise verstorben.

Dies habe der Transplantationschirurg zumindest billigend in Kauf genommen, ist die Begründung der Staatsanwaltschaft Braunschweig für die Anordnung der Untersuchungshaft.

Die Universitätsmedizin Göttingen sieht ihr rasches Handeln bestätigt. Der Vorstand der UMG hatte sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den ehemaligen leitenden Transplantationschirurgen im November 2011 den Arzt beurlaubt und die Staatsanwaltschaft informiert. Danach habe die UMG eng mit der Staatsanwaltschaft in Braunschweig zusammengearbeitet und alle notwendigen Unterlagen für die Ermittlungen zur Verfügung gestellt, heißt es einer ersten Stellungnahme des Vorstandes.

Die UMG hatte sofort eine externe Gutachterkommission zur Untersuchung der Vorwürfe eingesetzt, die in Zusammenarbeit mit der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärzte-kammer (BÄK) im Kontakt mit der Staatsanwaltschaft Braunschweig steht und noch immer arbeitet. Zu den von der Staatsanwaltschaft Braunschweig mitgeteilten Vorwürfen darf und wird die UMG im Interesse der laufenden Ermittlungen keine weiteren Angaben machen, wie UMG-Sprecher Stefan Weller sagt.

Abteilung neu strukturiert

Die Universitätsmedizin hatte den 45-jährigen Chirurgen nach Bekanntwerden der Vorwürfe unverzüglich beurlaubt, das war im November 2011. Der leitende Direktor der Abteilung Transplantationsmedizin in der UMG war dann im April 2012 beurlaubt worden.

Mittlerweile wurde die Abteilung organisatorisch umstrukturiert. Auch wurde die Übermittlung der Daten an die zentrale Organvergabestelle im holländischen Leiden nur auf den Leiter der Stabsstelle Transplantationskoordination, Ralf Werner, beschränkt.

Auch Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig ermittelt im Übrigen auch bezüglich des Verdachts der Korruption gegen den verantwortlichen Chirurgen und den beurlaubten ärztlichen Direktor. (dpa/tko)

Die Chronologie des Skandals

• 22. November 2011: Die Leitung der UMG erhält telefonisch Kenntnis von der Bundes-ärztekammer (BÄK) in Berlin: Ein Arzt soll bei der Behandlung eines Patienten eine Falschangabe gegenüber Eurotransplant gemacht haben. Der Vorstand der UMG konfrontiert den Arzt mit dem Vorwurf.

• 23. November 2011: Der Arzt wird nach einer Anhörung zu den Vorwürfen vom Dienst freigestellt und beurlaubt.

• 23. November 2011: Der Vorstand leitet eine umfängliche interne Prüfung der Vorwürfe ein. 2/2

• 29. November 2011: Die UMG informiert die Staatsanwaltschaft Göttingen.

• 7. Dezember 2011: Die Staatsanwaltschaft Göttingen erhält einen ausführlichen Bericht über den Ermittlungsstand der internen Prüfung. Die UMG bittet um rechtliche Prüfung der Vorwürfe. Zwischenzeitlich informiert die UMG fortlaufend die Prüf- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer über den internen Ermittlungsstand.

• Ende Dezember 2011: Das Arbeitsverhältnis mit dem Arzt wird im gegenseitigen Einvernehmen aufgehoben.

• Dezember 2011: Die UMG hat externe Fachgutachter mit der Überprüfung der Warteliste für Transplantationen an der UMG und der Abläufe bei der Dokumentation beauftragt, um die Korrektheit der klinischen Angaben zu Patienten zu sichern.

• Anfang 2012: Die UMG hat über die interne Revision die gesamte Abrechnung dieses Falls prüfen lassen und das Ergebnis ebenfalls der Staatsanwaltschaft übermittelt. Hinweise, dass inkorrekt abgerechnet wurde, haben sich bei der Revision nicht ergeben.

• 1. April 2012: Die Leitung des Lebertransplantationsprogramms der UMG wird einem von außen gewonnenen leitenden Oberarzt übertragen.

• 21. Juni 2012: Die UMG erhält neue Information der Bundesärztekammer über weitere Unregelmäßigkeiten in den Patientenakten.

• Ende Juni 2012: Vor-Ort Besuch der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer mit uneingeschränkter Akteneinsicht

• Anfang Juli 2012: Erweiterung der bisherigen Gutachterkommission um weitere hoch-qualifizierte externe medizinische Experten zur Überprüfung der internen Abläufe.

• 23 Juli 2012: Die Universitätsmedizin Göttingen übergibt der Staatsanwaltschaft in Braunschweig die anonymisierten Patientenakten mit Verdacht auf Manipulationen.

• 25 Juli 2012: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig durchsucht Räume eines zweiten Arztes und Abteilungsdirektors im Universitätsklinikum Göttingen.

• 26. Juli 2012: Die Universitätsmedizin Göttingen stellt den beschuldigten zweiten Arzt und Abteilungsdirektor frei.

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