Auch Susanne F. aus Bad Gandersheim starb in Höxter

Horrorhaus von Höxter: Staatsanwalt fordert lebenslange Haftstrafen

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Sollen zwei Frauen getötet und andere sadistisch gequält haben: Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W.

Im Mordprozess um das sogenannte Horrorhaus von Höxter hat die Staatsanwaltschaft lebenslange Haftstrafen für die beiden Angeklagten Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. beantragt.

Aktualisiert am 5. September um 16.18 Uhr. Oberstaatsanwalt Ralf Meyer sieht es als erwiesen an, dass sich die beiden Angeklagten des gemeinschaftlichen versuchten und vollendeten Mordes schuldig gemacht haben. Für beide beantragte Meyer zusätzlich die besondere Schwere der Schuld.

Falls sich das Gericht dieser Ansicht anschließt, wäre eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren rechtlich zwar möglich, in der Praxis aber so gut wie ausgeschlossen. Für den 48-jährigen Wilfried forderte der Oberstaatsanwalt in seinem Plädoyer am Mittwoch außerdem die Unterbringung in einer Psychiatrie.

Psychiaterin hatte Wilfried W. verminderte Schuldfähigkeit attestiert

Überraschend schloss sich die Staatsanwaltschaft im Fall des Angeklagten damit nicht der Empfehlung der forensischen Psychiaterin an. Die Expertin hatte in ihrem Gutachten Wilfried W. eine verminderte Schuldfähigkeit attestiert.

Roland Weber, Anwalt einer Nebenklägerin, teilte in seinem Plädoyer die Sicht der Staatsanwaltschaft. "Die Beweisaufnahme hat ergeben, dass Wilfried W. erkannt hat, dass die Tochter meiner Mandantin sterben könnte. Das Bewusstsein dafür war da. Trotz seiner Intelligenzminderung", sagte Weber.

Anwalt der Nebenklägerin vergleicht System Bosseborn mit Rotlichtmilieu

Weber erklärte in seinem Plädoyer nochmals das System Bosseborn, das ihm aus dem Rotlichtmilieu bekannt sei. "Zuerst gibt es eine Wohlfühlatmosphäre, dann kommen die ersten kleineren Gewalttaten, die Opfer werden verwirrt, noch besteht Fluchtgefahr. Dann wird die Gewalt und die Demütigung noch brutaler", sagte Weber. Bei der Prostitution geht es vor allem um Geld. In Höxter sei es zwar auch um Geld, aber eigentlich nur um Macht gegangen. Die Frauen auf der Suche nach Zuneigung und der großen Liebe waren in die Falle getappt.

"Und wer war schuld?", fragt Weber? Beide hätten sich gegenseitig eingeredet, dass jeweils der andere der Schuldige sei. Beide hätten so zusammengearbeitet, dass es eine perfekte Teamarbeit war. "Beide wussten, was der andere macht", sagte der Berliner Anwalt.

Plädoyers der Verteidiger am Donnerstag und Dienstag 

Auch schloss Weber eine Strafminderung für die Angeklagte wegen ihres Geständnisses aus. "Sie hat allerschwerste Schuld auf sich geladen." Laut Weber würde Angelika W. erfahrungsgemäß für 20 bis 21 Jahre ins Gefängnis gehen, wenn sich das Gericht dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft anschließt. "Das wäre ihrer Schuld angemessen", sagt der Anwalt.

Am Donnerstag und in der nächsten Woche am Dienstag folgen die Plädoyers der vier Verteidiger. Ob das Landgericht noch im September ein Urteil spricht, ist noch offen.

Prozess läuft seit fast zwei Jahren

Seit 22 Monaten steht das „Folterpaar von Höxter“ vor Gericht. Der Prozess, in dem es auch um den Tod von Susanne F. aus Bad Gandersheim geht, endet bald. 54 Verhandlungstage hat das Schwurgericht am Landgericht Paderborn hinter sich. An diesem Mittwoch beginnen die Plädoyers. In der nächsten Woche könnte das Urteil gesprochen werden.

Wilfried W. (48) und Angelika W. (49) haben im „Horror-Haus von Bosseborn“ Frauen erniedrigt und gequält. Zwei der Opfer überlebten die Monate langen Torturen in dem maroden Bauernhaus nicht – als Susanne F. im April 2016 starb, flog das ganze irre Treiben in dem maroden Bauernhaus auf.

Verschrobenes Paar

Seit Oktober 2016 stehen die W.s vor Gericht wegen Mord durch Unterlassen. Als Eheleute geschieden, wirken sie wie ein etwas verschrobenes, dennoch alltägliches Paar, entpuppen sich aber als „Duo Infernale“: Annika W. aus Uslar starb vermutlich 2014 an Entkräftung – ihre Leiche wurde nie gefunden. Susanne F. (41) starb im April 2016 im Krankenhaus in Northeim an den Folgen einer Gehirnblutung. Das „Folterpaar“ wollte sie in ihre Wohnung in Bad Gandersheim zurückbringen, „bevor die uns abnippelt“, wie Angelika W. zu Beginn des Prozesses aussagte. Beobachter beschreiben vor allem Angelika W. als Bestie.

Dieser Beitrag stammt nicht von hna.de, sondern von Pro Sieben und der Video-Plattform Glomex.

Verzögerungen

Längst hat der Prozess die geplante Dauer überschritten: Die Entpflichtung eines Gutachters und Wechsel auf der Richterbank kosteten Zeit. Zur Klärung der todbringenden Personen-Konstellation im Horrorhaus haben die Erkenntnisse der psychiatrischen Gutachterin Dr. Nahlah Saimeh maßgeblich beigetragen.

Der intellektuell minderbegabte, dennoch „hoch manipulative“ und regelvernarrte Wilfried W. braucht Angelika: Sie musste ihm sogar die Kleinanzeigen formulieren und aufgeben, mit denen er ständig neue Bekanntschaften suchte, um die große Ersatzliebe zu finden.

Ohne Empathie

Angelika W., ist hoch intelligent, extrem perfektionistisch und völlig empathielos – sie braucht Wilfried, um ihn zu dominieren und ihre eigene Wichtigkeit zu unterstreichen. Im Interagieren beider wurden Frauen wie Susanne F. dann als Mittel zum Zweck systematisch „kaputt gemacht“.

Versperrte Fassade: Ein Zaun wurde bei Ermittlungen um das sogenannte Horrorhaus in Höxter-Bosseborn (Nordrhein-Westfalen) gestellt.

Arzt abgelehnt

Wilfried W. ist womöglich gar nicht so beschränkt, wie seine Verteidiger dem Gericht vermitteln wollen. Denn in der Frage des Todes von Susanne F. geht es vor allem darum, dass nach deren Kopfverletzung keine ärztliche Hilfe geholt wurde.

In einem erst vor kurzem verfassten Brief an seine Mutter hingegen behauptet Wilfried W., er habe damals sofort gefragt „Arzt oder Krankenhaus?“, und es sei Angelika W. gewesen, die beides abgelehnt habe. Dass er so vor Gericht seine Mitschuld am Tode von Susanne F. relativieren will, könnte aber genau jene intellektuelle Transferleistung darstellen, die Wilfried W.s Verteidigung ihm aufgrund seiner Intelligenzminderung nicht zutraut.

Plädoyers in dieser Woche

An diesem Mittwoch begannen die Plädoyers. Den Anfang machte nach 55 Verhandlungstagen der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Ralf Meyer. Das Urteil könnte in der Woche darauf verkündet werden. Wilfried W. droht die Einweisung in die Psychiatrie, Angelika W. eine lebenslängliche Haft.

Von Ulrich Pfaff/mit dpa

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