Plädoyer für einen menschlicheren Umgang

„Etwas mehr Hirn, bitte“: Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther bei seinem Auftritt zum Abschluss des Göttinger Literaturherbstes. Foto: Lawrenz

Göttingen. Wer biologische Facts erwartet hatte, war falsch bei Gerald Hüther. Stattdessen sandte der Göttinger Neurobiologe beim Literaturherbst ein Plädoyer für einen menschlicheren Umgang ins Publikum. Er stellte sein Buch „Etwas mehr Hirn, bitte“ vor.

„Ich bin überwältigt“ sagte Hüther angesichts des bis in den zweiten Rang gut gefüllten Deutschen Theaters. Die Menschen im Publikum lud er ein, für eine Stunde die Zeit zu vergessen. Gelegenheit dazu boten schon beim Einlass die Jazzsängerin Hanna Carlsson und ihr Bandkollege Carsten Kutzner.

„Vernetzungen im Hirn bilden sich dadurch, dass man mit anderen in Beziehung tritt“, lautet eine zentrale These Hüthers. „In jedem von uns stecken noch ungeahnte Möglichkeiten“, gab der Hirnforscher den Zuhörern Ausblicke in die Zukunft und räumte auf mit dem Dogma des 20. Jahrhunderts, dass das Hirn irgendwann einfach „fertig“ ist. Mit emotionaler Begeisterung könne ein Mensch selbst im hohen Alter lernen. Kleine Kinder erlebten diese Begeisterung im wahrsten Sinne des Wortes mit jedem Schritt. Mit wachsendem Alter nähmen solche Momente ab. Auch schlechte Erfahrungen seien von Nachteil.

Das belegte Hüther anhand eines eigenen Erlebnisses in der Schulzeit. Er erzählte, wie er vor der Klasse vorsingen sollte. Auf der einen Seite saßen seine Kumpel, auf der anderen, die Mädchen, denen er gerne imponieren wollte. Weil er seinen Auftritt als peinlich empfand, glaubt er bis heute, nicht singen zu können. Als Hanna Carlsson mit ihm übte, brachte sie das ganze Publikum zum Summen.

Der Musiklehrer habe ihn zum Objekt gemacht, beschrieb Hüther. Nur solange der Mensch sich als Person gesehen fühle, könne er gute Leistungen erbringen. Für ein erfülltes Dasein seien Menschen auf ein „Du zu Du“ angewiesen. Hüther lud die Menschen ein, es einmal „miteinander“ zu versuchen. Mit einem Lied voller Hoffnung, „Imagine“ von John Lennon, beendeten Hanna Carlson und Carsten Kutzner den Vortrag. Selten erlebt bei einer „Lesung“: Das Publikum dankte mit Beifall im Stehen.

Unter dem Motto „Lesen hilft“ hatten die Veranstalter des Literaturherbsts am letzten Tag des Veranstaltungsreigens einen Büchertisch zugunsten der Flüchtlingsunterkunft auf den Zietenterrassen vorbereitet. Neben dem Verkauf von Hüthers Werk gab es gegen eine Spende auch andere Bücher.

Gerald Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte. Vandenhoeck & Ruprecht, 2015. ISBN 978-3-525-40464-5. 19,99 Euro.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.