Langsam wird aus der Fremde Heimat

Podiumsdiskussion im Göttinger Kino Méliès über den Fluchtpunkt Niedersachsen

Tauschten ihre Erfahrungen über Flucht und Vertreibung aus: Nather Henafe Alali, Noura Labanieh, Christel Svenson, Ursula Dorn und Sabrina Rahimi (online dazugeschaltet).
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Tauschten ihre Erfahrungen über Flucht und Vertreibung aus: Nather Henafe Alali, Noura Labanieh, Christel Svenson, Ursula Dorn und Sabrina Rahimi (online dazugeschaltet).

Bittere Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung haben Deutsche bei Kriegsende gemacht. Zwei Zeitzeuginnen tauschten sich im Göttinger Kino Méliès mit afghanischen und syrischen Geflüchteten aus.

Göttingen – Das Museum Friedland richtete die Veranstaltung mit den Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Doris Schröder-Köpf, und für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Editha Westmann, aus.

Schreckliche Dinge hat Ursula Dorn nach 1945 im ostpreußischen, heute russischen Königsberg erlebt. Die Rotarmisten verübten Gräueltaten an der Zivilbevölkerung, erzählte sie. Menschen verhungerten. Dorn ging vier Jahre lang nicht mehr zur Schule. Sie bettelte bei russischen Soldaten, die selbst kaum etwas zu essen bekamen. Manche verzichteten aus Mitleid mit dem abgemagerten, verwahrlosten Mädchen auf ihre karge Mahlzeit.

Christel Svenson war als Kind mit ihrer Familie aus Pommern geflohen. Sie machte traumatische Erfahrungen mit Tieffliegern. Sobald sie ein Flugzeug hörte, warf sie sich instinktiv in den nächsten Graben. „Das musst Du nicht mehr tun, der Krieg ist vorbei“, sagte ihre Mutter nach der Ankunft.

„Großes Mitgefühl“ äußerten Svenson und Dorn mit Geflüchteten. Sie wüssten genau, was es bedeute, liebe Menschen im Krieg zu verlieren, Hab und Gut zurücklassen zu müssen, mittellos auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.

Die Syrerin Noura Labanieh zeigte sich schockiert über das Leid, das insbesondere Dorn erfahren hatte. „Es ist das erste Mal, dass Deutsche mir von solchen Erlebnissen berichten“, erklärte der Syrer Nather Henafe Alali.

Alle Diskussionsteilnehmer teilten die Erfahrung, in Deutschland nicht willkommen zu sein. Dorn kam 1948 als 13-Jährige nach Eisenach. In der Schule wurde sie ausgelacht, weil sie ihren Namen nicht schreiben konnte. 1953 floh sie nach Westdeutschland und erlebte wieder Unverständnis und die Angst Alteingesessener, mit Neuankömmlingen teilen zu müssen.

Die meisten Geflüchteten erfuhren aber auch Hilfsbereitschaft und Unterstützung. Dorn fand trotz mangelnder Schulkenntnisse mit persönlicher Unterstützung des Bürgermeisters eine Lehrstelle. Die Afghanin Sabrina Rahimi, die vor 40 Jahren nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan als Kleinkind nach Deutschland gekommen war, ist ihrer Erzieherin bis heute dankbar. Die Frau kümmerte sich über Jahre um die Familie.

Alle auf dem Podium teilten die Entschlossenheit, sich in der Fremde etwas aufzubauen. Sie strengen sich an, lernen und arbeiten hart. Manchmal klang Neid an, dass es später ankommende Geflüchtete einfacher haben, dass ihnen mehr Hilfe gewährt wird.

Viele schaffen es am Ende, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Aus der Fremde wird eine neue Heimat. Oft finden sie erst dann die Zeit, sich mit den verdrängten Erinnerungen an die Flucht auseinander zu setzen. Es hilft, sie aufzuschreiben und mit anderen darüber zu sprechen, sagt Christel Svenson. (Michael Caspar)

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