Dr. Vivian Gabor hat das Lernverhalten und Gedächtnis der Vierbeiner untersucht

Ponys sind schlaue Schüler

Versuch: Pony Moritz bekommt ein Kreuz gezeigt.

Göttingen. Kraft und Beweglichkeit der Pferde nutzt der Mensch seit jeher. Pferde zogen früher den Pflug über die Felder, sie bringen Höchstleistung als Spring- oder Dressurpferd und werden von ungezählten Hobbyreitern geliebt. Trotzdem war bislang wenig über das Lernvermögen von Pferden bekannt.

Dass die Fähigkeiten der Vierbeiner höher sind als allgemein vermutet, hat Pferdewissenschaftlerin Vivian Gabor (Greene) in ihrer Dissertationsarbeit gezeigt.

Pferde können abstrakte Zeichen unterscheiden und die Anzahl von Symbolen erfassen. Im Test gelang es dem „schlauesten“ Pony Moritz sogar zwischen vier und fünf gemischten geometrischen Figuren zu unterscheiden. Beim Gedächtnistest ein Jahr später konnten die Ponys allerdings nicht mehr an diese hohe Leistung anknüpfen. „Vielleicht hätte ein wöchentliches Training gereicht“, sagt Vivian Gabor, die außerdem vermutet, dass die Konzentrationsfähigkeit durch das Nichtstun auf der Weide nachgelassen hat.

Eineinhalb Jahre hat Gabor zuvor mit elf Kleinpferden und Ponys in aufeinander aufbauenden Lernschritten gearbeitet. Zunächst mussten die Tiere zum Beispiel das Drücken der Knöpfe trainieren, um an das begehrte Futter zu gelangen. Am Ende folgte ein computergestützter Versuchsaufbau, bei dem den Ponys auf einem Flachbildschirm Symbole wie Kreuze gezeigt wurden.

In der Reihe darunter waren weitere Zeichen zu sehen. Um an das Futter zu gelangen, mussten die Ponys das in Reihe 1 vorgegebene Symbol in Reihe 2 wiederfinden und den passenden Knopf drücken (siehe Bilder unten). Nach Tests mit einfachen Kreisen und Kreuzen folgten Versuche mit unbekannten Symbolen wie Notenschlüsseln. Vier von sieben Ponys schafften alle Aufgaben bis zum „Matching to sample“, wie es in der Fachsprache heißt (siehe Stichwort).

Im nächsten Schritt testete die Forscherin, ob Ponys das Prinzip auf das Erkennen der Anzahl übertragen können. Dabei arbeitete sie zunächst mit Kreisen, später mit gemischten Figuren. Alle drei getesteten Ponys konnten vier Kreise von fünf Kreisen unterscheiden, einem Pony gelang dies sogar mit gemischten geometrischen Figuren. Dabei antworteten die Ponys schnell, in weniger als zwei Sekunden.

Lernen mit Motivation

Die Resultate, so Vivian Gabor, zeigen, dass Ponys zu höheren kognitiven Leistungen fähig sind. Aus Sicht der Pferdewissenschaftlerin sollte diese Erkenntnis Einfluss auf die Haltung haben. „Wenn das Gehirn der Tiere auf diese abstrakte Ebene ausgelegt ist, können wir Pferde nicht in einer reizarmen Umgebung wie einer abgeschotteten Box halten.“ Man dürfe den Tieren die natürlichen Reize nicht komplett nehmen. Sie brauchen Licht, Luft, Bewegung, Sozialkontakte über den Zaun. „Optimal ist Gruppenhaltung in einem Bewegungsstall.“

Auch für das Training gibt die Lerntheorie Hinweise. Pferde lernen besser in Teilschritten, so Vivian Gabor. Wenn ein Pferd etwas nicht könne, brauche es vielleicht einfach eine Pause, damit sich das Gelernte im Gehirn festsetze. Tatsächlich werde oft mit Strafen statt mit Motivation arbeitet. „Aber zu hoher Stress kann das Lernen blockieren.“ Durch optimierte Trainingsabläufe könne man Pferden etwas in kürzerer Zeit und nachhaltiger beibringen.

Von Kornelia Schmidt-Hagemeyer

Wissenschaft statt Pferdeflüsterei

Für ihre Arbeit zur Lernfähigkeit von Pferden wurde Dr. Vivian Gabor mit dem ersten Preis für die beste Dissertation von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft um das Pferd (GWP) ausgezeichnet. An die Uni Göttingen kam die 32-Jährige nach einem Biologie-Studium in Tübingen. Nach Masterstudium und Promotion arbeitet die Pferdewissenschaftlerin noch zeitweise an der Fakultät für Agrarwissenschaften und betreut Studierende, die an ihrer Bachelor- oder Masterarbeit schreiben. Forschen für die Praxis Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse setzt Gabor, die seit 1996 Turniere reitet und B-Trainerin für Westerreiten ist, bewusst bei der praktischen Arbeit mit Pferden ein. 

Nahe Greene (Landkreis Northeim) hat sie vor zweieinhalb Jahren mit ihrem Partner ein Westernreitzentrum gegründet und legt Wert auf eine artgerechte Haltung. 25 Pferde leben derzeit auf dem Hof. Die meisten Pensionspferde sind in einem offenen Bewegungsstall mit automatischer Kraftfutterstation untergebracht und haben zumindest im Sommer freien Zugang zu den Weideflächen. Die Pferdwissenschaftlerin bildet Turnier- und Freizeitpferde aus und gibt ihr Wissen zum Ausdrucks- und Lernverhalten von Pferden in Seminaren weiter. Gabor: „Es ist spannend, wenn man begründen kann, wie sich ein Pferd verhält. Das hat nichts mit Pferdeflüsterei zu tun.“ (shx) 

Mehr Infos unter www.horseability.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.