Göttingerin schreibt Doktorarbeit

Warum diese Dozentin zusammen mit ihren Studenten Pornos anschaut

Pornografie wissenschaftlich betrachten: Madita Oeming ist Porno-Wissenschaftlerin, an der Universität Paderborn schreibt sie ihre Doktorarbeit. Wir trafen die Göttingerin zum Gespräch in ihrer Wahlheimat. Foto: MAURICE MORTH

Über Pornos redet kaum einer gerne. Anders die Wissenschaftlerin Madita Oeming. Im Interview spricht sie über ihre Doktorarbeit - und darüber, wie sie die Filme mit ihren Studenten anschaut.

Die Göttingerin Madita Oeming schreibt eine Doktorarbeit über ein ungewöhnliches Thema: Nach ihrem Master-Abschluss an der Universität Göttingen forscht sie über Pornowissenschaft, insbesondere Porno-Filme. Ein Gespräch über Vorurteile, Scham und den Forschungsalltag.

Frau Oeming, die Porno-Wissenschaft ist ein ausgefallenes Fachgebiet. Wie viele Menschen forschen dazu?

In den USA kann man mittlerweile von einem kleinen, aber etablierten Feld sprechen. In Deutschland kenne ich nur eine Handvoll – zumindest in den Geisteswissenschaften.

Und woher stammt die Forschungsrichtung?

Die amerikanische Filmwissenschaftlerin Linda Williams gilt als Begründerin. Sie wollte in den späten 80ern der ewigen Debatte darüber, ob Pornos nun gut oder schlecht sind, entfliehen. Und stattdessen einen möglichst neutralen analytischen Blick auf das Medium Porno richten.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Sie haben Amerikanistik studiert. Wie sind Sie selbst zu dem Thema gelangt?

Klingt komisch, aber: über den Roman-Klassiker „Moby Dick“. Ich bin bei einer Recherche dazu zufällig auf diverse Porno-Filme gestoßen, die den Romantitel benutzen. Ich stellte fest, dass dahinter oft mehr als nur ein blödes Wortspiel (Anm. d. Red. „Dick“ bedeutet im Englischen auch „Penis“) steckte und fand das so spannend, dass ich meine Masterarbeit darüber schrieb. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, etwas Neues beizutragen und nicht nur Wissen zu reproduzieren.

Gibt es im Alltag auch negative Stimmen über ihre Arbeit?

Im Alltag reagieren die meisten Menschen überrascht, aber neugierig. Viele wollen mehr darüber wissen, fühlen sich oft auch eingeladen, Persönliches zu offenbaren. Das kann lustig und interessant, manchmal aber auch unangenehm sein.

Porno auf einem Smartphone: Das Thema ist mit vielen Tabus versehen. Eine Göttinger Wissenschaftlerin forscht darüber und schreibt ihre Doktorarbeit.

Und wie ist die Resonanz in der Wissenschaft?

Deutlich skeptischer. Ich werde häufig nicht ernst genommen. In Pornos könne man ja gar nichts analysieren, es sei ja „nur Sex“. Und die nötige wissenschaftliche Distanz dazu wird einem oft auch nicht zugetraut. Das gehört nicht an eine Uni, denken einige. Ich war selbst überrascht, dass Porno-Forschung heutzutage doch noch ein Problem darstellt. Aber diese Tabuisierung ist für mich gerade der Beweis, dass mehr dazu geforscht, mehr darüber gesprochen werden muss.

Sie engagieren sich auch im Feminismus, wie wird ihre Arbeit dort gesehen?

Zweigeteilt. Porno und Sexarbeit sind nach wie vor ein Hauptstreitpunkt innerhalb des Feminismus. Ich finde, wer für weibliche Handlungsmacht ist, kann Frauen nicht ihre freie Entscheidung absprechen, Sex vor der Kamera zu haben oder anders mit Sex ihr Geld zu verdienen. Damit ecke ich in feministischen Kreisen aber oft an.

In einem Artikel haben Sie neulich davon geschrieben, dass Ihnen überall viel Scham begegnet.

Ja. Ich denke, ein großer Teil der Reaktionen auf meine Forschung haben damit zu tun. Man merkt zum Beispiel, wie oft mit Witzen versucht wird, einen unangenehmen Moment zu überspielen. Vielen fällt es schwer, darüber zu sprechen. Egal ob in der Familie, im Beruf oder im Freundeskreis. Was kein Wunder ist, denn es fehlt an offener Kommunikation über Sex. Und auch an Wissen über Pornos. Das konnte man 2017 schön beim Münchner „Porno-Tatort“ beobachten.

Wie sieht ihr praktischer Forschungsalltag aus?

Ganz unterschiedlich. Das Sichten von Material nimmt schon viel Zeit in Anspruch. Man sucht eben nicht nach dem, was einen erregt, sondern nach interessanten Aspekten, die lohnend für eine Untersuchung sind, repräsentativ oder gerade ungewöhnlich. Wie bei jedem anderen Thema auch, aber vor allem: Lesen, Lesen, Lesen.

Wie muss ich mir ein von Ihnen geleitetes Seminar an der Universität vorstellen?

Eigentlich wie jedes andere auch. Nur statt Textauszügen schauen wir eben Pornoszenen an. Ich achte aber darauf, diese möglichst sinnvoll einzurahmen oder Sehaufträge zu geben. Natürlich muss ich auch abstimmen, welche Pornos für welches Publikum geeignet, zumutbar und zielführend sind.

Wie ist die Resonanz der Studierenden?

Insgesamt sehr positiv. Das gemeinsame Pornogucken ist erst einmal merkwürdig für die meisten. Das legt sich aber schnell.

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