Monolog „Unser Dorf soll schöner werden“

Premiere am Deutschen Theater: Fremde in der Dorfwelt

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Versteht die Welt nicht mehr: Hubert Fängewisch, verkörpert von Ronny Thalmeyer im Monolog "Unser Dorf soll schöner werden" im Deutschen Theater in Göttingen.

Göttingen. Der Monolog "Unser Dorf soll schöner werden" hatte im Deutschen Theater in Göttingen Premiere.

Wir befinden uns zwar im Keller des Deutschen Theaters, aber auch im Ethnologischen Museum von Maunke, einem Dorf im Ruhrgebiet. Abgegrenzt von den typischen roten Absperr-Seilen einer Ausstellung sitzt in seinem Wohnzimmer Hubert Fängewisch, Jahrgang 1946. Plötzlich fängt er an, sein Leben in dieser miefigen kleinen Dorfwelt vor den Besuchern auszubreiten. Anfangs lacht man über ihn, später mit ihm. Aber je mehr er, gewollt und ungewollt, preisgibt, umso tiefer bleibt das Lachen im Halse stecken.

Bei der Kinder-Verbiegung und den Demütigungen, die sein Sohn Dirk hat erdulden müssen, ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass er woanders ein wohliges Zuhause gesucht und es bei den Rechtsextremen gefunden hat. Zumal Vater Hubert in seinem Partykeller Hitlers Geburtstag feiert, nicht aus Überzeugung, natürlich nicht. Er feiert einfach gerne. Und die SS-Uniform im Keller ist nur Ausdruck seiner Sammelleidenschaft.

Am Ende steht Hubert Fängewisch bis zum weich gebetteten Bauchnabel voller Wut in den Trümmern seines Lebens und versteht überhaupt nicht, wie es so weit kommen konnte. Die Zuschauer schon.

Fängewisch selbst hat zwei Hauptschuldige ausgemacht: Die verdammte Lügenpresse und der „Neger“, der bei einem Brandanschlag, an dem sein Sohn Dirk beteiligt war, fast ums Leben kam. Der Fremde hätte sich ja einfach von Fängewischs Dorf fernhalten können, diesem Dorf, das einst den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen hat.

Lang anhaltender Beifall

Ronny Thalmeyer wurde vom begeisterten Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall für seine großartige Leistung gefeiert. Er verkörpert glaubhaft den faschistoiden Wutbürger. Am Ende ist beim Publikum kein Verständnis, geschweige denn Sympathie für Fängewisch übrig geblieben, und man versteht die unausgesprochene Warnung: Wehret den Anfängen!

Der Monolog „Unser Dorf soll schöner werden“ von Klaus Chatten wurde 1993 in Berlin uraufgeführt. In Göttingen ist Ruth Messing für die Regie, Johannes Frei für Bühne sowie Kostüm und Viola Köster für die Dramaturgie zuständig.

Souffleuse Viktoria Labitzke geht als Ausstellungsaufsicht dem Schauspieler während der gut einstündigen Vorstellung zur Hand. Die nächsten Aufführungen sind am 10. und 30. Mai, jeweils ab 20 Uhr.

Von Anne-Lise Eriksen

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