Premiere von "Bartleby, der Schreiber": Verweigerung als Weg

Solo-Auftritt: Emre Aksizoglu spielt in Bartleby, der Schreiber. Das Stück hatte jetzt im Deutschen Theater Premiere. Foto: Anton Säckl/DT/nh

Göttingen. Verweigerung als Weg in die Zukunft ist der Weg des Schreibers Bartleby. Am Sonntag hatte Emre Aksizoglu mit „Bartleby, der Schreiber“ im DT-Keller Premiere.

Die Verweigerung Bartlebys ist so allumfassend, dass sie für ihn das Ende bedeutet. Sein Arbeitgeber, ein Notar, wird in dem Stück von Hermann Melville von dessen ungewöhnlichem Verhalten bis an die Grenzen gezogen.

„Ich möchte lieber nicht“, ist der Satz, der den Notar in die Verzweiflung treibt. Mit derart höflicher Verweigerung kann er nicht umgehen. Anstatt den Kopisten rauszuwerfen, akzeptiert er das absonderliche Verhalten. Solange nimmt er das „Nein“ in den Kauf, bis er bemerkt, dass der unscheinbare Schreiber, sein Büro als Bleibe benutzt. Doch er schafft es nicht, Bartleby der Räume zu verweisen. Er sucht sich selbst ein neues Büro.

Sitzstreik

Wer glaubt, das Problem wäre damit erledigt, irrt. Wie ein Mensch, der in Sitzstreik tritt, muss Bartleby von der Polizei entfernt werden. Er kommt ins Gefängnis. Dort verweigert er das Essen und stirbt. In der Aufführung in etwas mehr als einer Stunde vollbringt Emre Aksizoglu ganze Leistung. Gekonnt springt er von einer Rolle in die nächste. Er zeigt nicht nur den Notar, sondern schlüpft auch in die Haut der vier Angestellten. Der distanzierte, erst erzählende Arbeitgeber wird mit ihm zu einem Menschen, der sich immer dichter in der Geschichte verstrickt. Seine Distanz kann er nicht mehr aufrechterhalten. Bartleby geht ihm unter die Haut. Das singt und tanzt der Notar aus sich heraus. Er begleitet sich selbst am E-Piano: „Ich hab’ so oft für dich gelogen“, dringt der Songtext aus ihm heraus. Ein anderes Bild wie in der Disco: Im Stroboskop-Licht wird der Chef zum Teil der Masse.

Eine klare Übersetzung hat die Regisseurin Nele Weber für den Umzug gefunden. Kurzerhand schiebt Aksizoglu den Bürotisch raus, vor die Tür vom DT-Keller. Irritation, wie sie der Anwalt empfindet, spürte das Publikum, als es plötzlich mit dem leeren Spielraum allein war. „Sollen wir einfach klatschen“, hörte man jemanden flüstern.

Solo-Auftritt ist "Bartleby, der Schreiber"

Wenn der Notar davon erzählt, wie der Schreiber eine leere Hauswand anstarrt, erscheint der als riesiger Schatten auf der schwarzen Wand. Zum Schluss bleibt nur der Chef mit einem Grablicht.

Melvilles Figur wird als Kritik an den Arbeitsbedingungen in der Finanzmetropole New York gedeutet. Kein Wunder, dass Bartleby wiederentdeckt wird, in einer Zeit, in der in der Arbeitswelt ständige Verfügbarkeit immer mehr gefragt ist. Lang anhaltender Applaus und begeistertes Trampeln sind der Lohn für die Umsetzung von Aksizoglu und Weber.

Von Ute Lawrenz

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