Premiere im JT in Göttingen: Ein Name schreibt Theater

+
Suchen in Laras Haaren (Linda Elsner, JT) nach ihrem Migrationshintergrund: Bardo Böhlefeld (links, DT) als Lokaljournalist, Jan Reinartz (Mitte, JT) als Karl-Marx-Anbeter und Marcel Irmey (JT-Gast) als Antikernkrafttante.

Göttingen. Er zieht sich durch den Abend: Abulkasem, ein Name aus einem ranzigen Theaterstück. So ranzig, dass Yousef und Arvind auf den Zuschauerplätzen lieber ihre neue Furz-App auf dem Smartphone ausprobieren, als dem Schauspiel auf der Bühne zuzuschauen.

So beginnt im Jungen Theater in Göttingen „Invasion!“, ein Stück, in dem die einzige Erinnerung an einen Schultheaterbesuch zur lebendigen, von der Welt gesuchten Terrorfigur wird: Abulkasem. Der tunesisch-schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri zeichnet darin eine Welt zwischen Terrorangst und Multikulti, in der sich Verschwörungstheorien in Fernsehshows hochschaukeln, bis sie die Wirklichkeit bestimmen.

Judith Mähler (Bühne und Kostüm) hat für die Koproduktion zwischen Jungem (JT) und Deutschem Theater (DT) einen Steg in die Mitte des Raumes platziert, an deren Seiten sich zwei Zuschauertribünen gegenüberstehen. Dadurch findet das Schauspiel nicht nur auf der Bühne statt, sondern spiegelt sich auch in den Gesichtern der Zuschauer. Die gucken überrascht, als Arvind (Bardo Böhlefeld) und Yousef (Marcel Irmey, Student der Schauspielschule in Kassel) die Bühne stürmen, um dem langweiligen Theaterschulausflug frühzeitig zu beenden.

Neue Identitäten

In der Clique nimmt der Name Abulkasem Gestalt an. Zuerst steht er für den coolen Onkel Lance, von dem Yousef erzählt. Dann wird er zum Adjektiv, für die lasche Party, und schließlich ist er das symbolische Nonplusultra. Szene für Szene wird Abulkasem für eine neue Identität ausgeliehen und fügt der Wirklichkeit eine andere Facette hinzu. Zum Quizklang einer Fernsehshow (Ton: Heiner Wortberg) diskutiert ein Forscherteam mit Moderator (großartig, Jan Reinartz mit Glitzerjackett) um den aktuellen Aufenthaltsort des mittlerweile sagenumwobenen Abulkasem.

Stark ist die Szene, in der ein Lokaljournalist (Bardo Böhlefeld), ein Sozio-Schwabe (Jan Reinartz) und eine Antikernkrafttante (Marcel Irmey) im Wuschelschopf ihrer Kommilitonin Lara (Linda Elsner) ihre kulturelle Identität ergründen zu versuchen, ohne, dass sie selbst zu Wort kommt. Oder als der asylsuchende Apfelpflücker den Zuschauern erklärt, dass er immer wieder angerufen werde, von einem Abulkasem, obwohl er eigentlich mit seinen Anwälten telefonieren müsse. Mit überheblichem Dauerlächeln übersetzt die Dolmetscherin (toll: Linda Elsner mit Brille und Stöckelschuhen) sein Persisch damit, dass er Juden hasse und als Kind Selbstmordattentäter gespielt habe. Selbst als er anfängt, nur noch Liedtitel zu zitieren – auf Englisch. Es macht viel Spaß den vier Schauspielern dabei zuzuschauen, wie sie in die 17 völlig überzogenen Rollen schlüpfen und jeder noch einen ganz eigenen Tick findet.

Richtig tiefgründig wird der Abend mit den plakativen Szenen nicht, aber er zeigt, dass Wirklichkeit eine Frage der Perspektive ist. Die Bilder von Regisseurin Milena Paulovics sind minimalistisch und lassen Spielraum für mehr. Der medialisierte Hype um eine erfundene Identität trifft trotzdem den Nerv der gespannten Gesellschaft.

Am Ende gab es lang anhaltenden Applaus für die knapp anderthalbstündige Premiere.

Von Valerie Schaub

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.