Premiere "Tausendmal berührt": Im JT treffen sich Punk und Chanson

Geben alles: Die Ensemblemitglieder Peter Christoph Scholz (von links), Franziska Lather, Jan Reinartz, Linda Elsner und Karsten Zinser. Foto: Heise

Göttingen. Die abwechslungsreiche Musikrevue „Tausendmal berührt" feiert den Deutschrock - und wurde am Ende selbst euphorisch gefeiert.

Göttingen. Hier wartet die Braut im Kühlschrank. Ihr Kleid sieht dann später in seiner ganzen weißen Bauschigkeit aus wie die Weiten der Arktis. Und ein Plüscheisbär gesellt sich auch noch dazu. Mit einer Reihe netter Gags verbinden sich die Songs in der neuen Musikshow des Jungen Theaters in Göttingen, die bei der ausverkauften Premiere am Freitag euphorisch gefeiert wurde.

Deutschsprachiger Rock und Pop war das Thema in der dritten Revue nach „Forever 27 Club“ und „Money, Money, Money“. Regisseur Tobias Sosinka und Bandleader Fred Kerkmann haben die Songs passgenau für die Ensemblemitglieder Linda Elsner, Franziska Lather, Jan Reinartz, Peter Christoph Scholz und Karsten Zinser ausgewählt und abwechslungsreich arrangiert.

So gab es einen ersten Gänsehautmoment, als Zinser ganz in Schwarz und sehr charismatisch Wolfgang Niedeckens wundervolles „Verdamp lang her“ anstimmte.

Andere Ikonen des Deutschrock waren nicht mit ihren Mega-Hits vertreten – wohltuend, denn so ließ man sich auf die eigenständigen Interpretationen und damit auch auf den Text nochmal neu ein. Von Wolf Maahn bis Wir sind Helden, von Konstantin Wecker bis zu Sido reichte die überwiegend westdeutsche Bandbreite.

Auf Sprechtexte oder eine Handlung wurde in einer Art Probenraumambiente verzichtet, wer wollte, konnte assoziativ überprüfen, in welcher stilistischen Breite der Deutschrock zwischen privater Innenschau, Spaßhabenwollen und gesellschaftskritischem Protest oszilliert.

Zu den Höhepunkten gehörte einer der wenigen ironischen Zugriffe: Peter Christoph Scholz und Karsten Zinser Hand in Hand als ledergewandete Edel-Cowboys mit winzigem Plüschpony und Pferdedecke sprechsingen in tiefstem Bass auf Deutsch von einer Kirschendame – bis sie sich plötzlich die fiesen Blond- und Schwarzhaarperücken überstülpen und im Falsett Modern Talking geben: „Cheri Cheri Lady“.

Jan Reinartz erschafft echte Udo-Lindenberg-Momente mit seiner wandlungsfähigen Stimme und in einem bodenlangen Wallemantel (Ausstattung: Hannah Landes).

Linda Elsner lässt ihre Chansonstimme ausdrucksstark glänzen, etwa bei Ulla Meineckes sinnlichem „Die Tänzerin“, das nahtlos übergeht in Jan Delays „Sie kann nicht tanzen“, wo Karsten Zinser und Peter Christoph Scholz in Hüten einen eleganten Revuetanz hinlegen.

Später geben die beiden „Los Paul“ von Trio eine aggressive Punk-Attitüde, die Franziska Lather als Rockröhre mit Lederhose im nahtlos anschließenden „Irgendwie Irgendwo Irgendwann“ von Nena wieder einfängt. Nur das knallige Schlagzeug trägt den punkigen Spirit noch weiter.

Im Verlauf der kurzweiligen 90 Minuten singen sich alle mehr und mehr frei, Jan Reinartz gibt den Priester der Finsternis bei Rammsteins „Mein Herz brennt“ und die Frauen rotzen Tic Tac Toes „Ich find dich scheiße“ raus.

Große Ensemblenummern gibt es auch, allen voran von den Ärzten das auch als Zugabe gesungene „Deine Schuld“, mit dem programmatischen Text: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist / Es wär’ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“

Wieder am 20., 28.1., Karten: 0551-495015

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