Primatenzentrum: Affen informieren sich auf der Toilette

Der Affe und der Baum: Weißfuß-Wieselmaki auf seinem Schlafbaum im Süden Madagaskars. Forscher des Deutsches Primatenzentrums Göttingen beobachteten die Tiere. Foto: DPZ/nh

Göttingen. Werbekästen über den Pinkelbecken, Sprüche an den Wänden - Menschen nutzen Toiletten zum Informationsaustausch. Affen tun das ebenfalls, wie Forscher des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) in Göttingen herausfanden: Lemuren verteilen mit ihrem Urin Botschaften an Artgenossen.

Iris Dröscher und Peter Kappeler vom Deutschen Primatenzentrum (DPZ) haben die zu den Halbaffen gehörenden Weißfuß-Wieselmakis in Süd-Madagaskar beobachtet. Ergebnis der Studie: Der auf den Affentoiletten, den Latrinenbäumen, abgegebene Urin dient dazu, den Kontakt zu Familienmitgliedern zu halten und etwaigen Eindringlingen mitzuteilen, dass man seinen Partner verteidigen würde, falls jemand versuchen sollte, sich ihm zu nähern.

Fazit der Forscher: Latrinen sind für nachtaktive Tiere, die zwar territorial sind, aber nicht im engen Kontakt leben, verlässliche Informationsquellen und dienen der sozialen Bindung der Tiere untereinander.

Die Nutzung von Latrinen, also speziellen Orten zur Ausscheidung von Exkrementen, ist im Tierreich verbreitet. Da bislang jedoch unklar war, warum gerade Primaten dieselben Latrinen immer wieder benutzen, haben die DPZ-Wissenschaftler dieses Phänomen nun bei den Weißfuß-Wieselmakis (Lepilemur leucopus) in Süd-Madagaskar untersucht. Dafür haben Iris Dröscher und Peter Kappeler 14 Weißfuß-Wieselmakis mit Radiosendern markiert und ihr Verhalten ein Jahr und mehr als 1000 Stunden lang beobachtet.

Sie fanden heraus, dass die Latrinen dazu dienen, die Vertrautheit und die soziale Bindung zwischen den Mitgliedern einer Wieselmaki-Gruppe aufrecht zu erhalten, da diese sonst nur sehr wenig Kontakt zueinander haben.

Die Duftsignale werden vor allem über den am Baumstamm befindlichen Urin aufgenommen, während der sich am Boden des Latrinenbereiches ansammelnde Kot „nicht wesentlicher Bestandteil des Informationsaustausches ist“.

Auffällig war, dass männliche Tiere öfter auf die Toilette kletterten, wenn sie einen Eindringling in ihrem Territorium wahrgenommen hatten.

Außerdem setzten Männchen Duftmarken aus ihren spezialisierten Drüsen ausschließlich in Latrinen ab. „Die Latrinen werden also auch verwendet um anzuzeigen, dass hier jemand ist, der seine Partnerin verteidigt“, sagt Iris Dröscher, Doktorandin in der Abteilung Verhaltensökologie und Soziobiologie am Deutschen Primatenzentrum.

„Gerade nachtaktive Arten, die unter eingeschränkten Sichtverhältnissen und im losen Kontakt mit ihren Partnern leben, brauchen verlässliche Informationsquellen, um ihr Sozialgefüge aufrecht zu erhalten“, erklärt Peter Kappeler, Leiter der Abteilung Verhaltensökologie und Soziobiologie am DPZ und Professor an der Universität Göttingen. „Dieses Informationszentrum haben die Weißfuß-Wieselmakis aus Madagaskar in den Latrinenbäumen gefunden.“ (dpz/tko)

Hintergrund: Weißfuß-Wieselmakis

Weißfuß-Wieselmakis sind nachtaktive Baumbewohner, die ausschließlich im Süden Madagaskars vorkommen und zu den sogenannten Lemuren gehören. Jede Familie, die aus den Eltern und ihrem Nachwuchs besteht, bewohnt zwar ein eigenes Gebiet, allerdings gehen sich die Familienmitglieder meist aus dem Weg, weder schlafen Wieselmaki-Paare auf denselben Bäumen noch gehen sie gemeinsam auf Futtersuche. Etwas hat die Familie aber gemeinsam: zentral im Territorium gelegene Latrinenbäume, welche die Tiere gezielt immer wieder aufsuchen um dort ihre Notdurft zu verrichten. (tko)

Deutsches Primatenzentrum

Die Deutsches Primatenzentrum GmbH (DPZ) - Leibniz-Institut für Primatenforschung betreibt biologische und biomedizinische Forschung über und mit Primaten auf den Gebieten der Infektionsforschung, der Neurowissenschaften und der Primatenbiologie.

Das DPZ unterhält außerdem drei Freilandstationen in den Tropen und ist Referenz- und Servicezentrum für alle Belange der Primatenforschung.

Das DPZ ist eine der 89 Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft. (tko)

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