Private Auskunfteien: Wenn Kevin zur Abwertung führt

Bestimmte Merkmale können zur Abwertung der Kreditwürdigkeit führen: Deshalb kann man seinen eigenen Punktwert abfragen. Archivfoto: dpa

Göttingen. Gewisse Namen können sich negativ auswirken, auch bestimmte Wohnviertel sorgen offenbar für Minus-Punkte. Private Auskunfteien prüfen laut Verbraucherzentrale Niedersachsen (VZN) die Bonität von Bankkunden nach höchst undurchsichtigen Kriterien.

„Auf Grund einer falschen Bewertung wird ein gewünschter Kredit entweder gar nicht oder nur zu höheren Zinsen vergeben“, kritisiert VZN-Chefin Petra Kristandt.

Kunden könne es durch die fragwürdige Praxis auch blühen, dass ein neuer Fernseher nur gegen Vorkasse geliefert oder der Abschluss eines Mobilfunk-Vertrages komplett verweigert werde.

Diskriminierung

„Es muss Schluss sein mit der Diskriminierung bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit“, meinte Niedersachsens Verbraucherschutzminister Christian Meyer (Grüne). „Es kann doch nicht sein, dass jemand einen Kredit nur deshalb nicht erhält, weil er Hermann oder Heinrich heißt und in einem bestimmten Kiez wohnt.“ Auch das Surfverhalten im Internet oder gewisse Urlaubsvorlieben dürften keine Rolle spielen. Der Minister forderte wie die VZ-Geschäftsführerin von den Firmen mehr Transparenz: „Informations- und Auskunftsrechte von Betroffenen müssen erheblich ausgeweitet werden.“ So sollten Unternehmen wie die Schufa verpflichtet werden, mindestens einmal jährlich den Verbrauchern ihre Bonitätswerte mitzuteilen.

In einem Marktcheck hatte die Verbraucherzentrale die Auskunfteien Schufa, Bürgel, Creditreform Boniversum, Deltavista und Infoscore unter die Lupe genommen. Dabei interessierten sie sich insbesondere für das Scoring, das Sammeln und Gewichten von Daten zum Ermitteln eines Risikowertes. Mittels „geheimer Formeln“ werde eine Punkt- oder Prozentzahl errechnet, mit der dann die Wahrscheinlichkeit, ob ein Darlehen zurückgezahlt oder ein Telefonvertrag erfüllt werde, bestimmt werde. In einem - nicht repräsentativen Selbstversuch hatten 42 VZ-Mitarbeiter und deren Angehörige insgesamt 163 Bonitätsauskünfte eingeholt.

Obwohl diese laut Kristandt fast allesamt in geordneten finanziellen Verhältnissen leben, seien doch völlig unterschiedliche Bewertungen herausgekommen. So seien zwei Mitarbeiter offensichtlich runtergestuft worden, weil sie in einem sozial schlechter beleumundeten Viertel wohnten.

Zwei andere Kollegen hätten den Stempel „riskant“ aufgedrückt bekommen, weil sie mehrmals umgezogen seien. Bei anderen wiederum waren die Datenbestände laut VZ widersprüchlich oder unvollständig. So sei in einem Fall das Urteil „sehr kritisches Risiko“ nur dadurch zustande gekommen, weil ein seit dem Jahr 2000 bestehendes Giro-Konto nicht von der Bank gemeldet worden sei.

Viele Gründe

Meyer bemängelte, dass die Firmen auch einzelne Namen in die Bewertung einfließen ließen. Offenbar ziehe man Rückschlüsse auf Alter (Hermann), Migrationshintergrund (Mustafa) oder die Zugehörigkeit zu unteren sozialen Schichten (Kevin) an. Sogar ein Bankenvergleich vor einem Kreditantrag kann laut Minister Meyer zur Abwertung führen.

Hier gibt es direkte Auskünfte über die eigene Bonität

Die privaten Auskunfteien müssen Privatkunden auf Verlangen über deren Bonität informieren. Allerdings können dabei Gebühren anfallen.

Hier die Übersicht:

Schufa Holding AG,Postfach 10 25 66, 44725 Bochum, Tel. 06 11/9 27 80, E-Mail: meineSCHUFA@SCHUFA.de www.schufa.de

Bürgel Wirtschaftsinformation GmbH & Co. KG, Abteilung Datenschutz, Gasstraße 18, 22761 Hamburg, E-Mail: info@buergel.de www.buergel.de

Verein Creditreform Göttingen, Daimlerstraße 1, 37075 Göttingen, Tel. 05 51/49 90 20, E-Mail: info@goettingen.creditreform.de www.goettingen.creditreform.de

Deltavista GmbH, Datenschutz, Kaiserstraße 217, 76133 Karlsruhe, Fax: 0721/ 1 51 16 86, E-Mail: datenschutz-de@deltavista.com

www.deltavista.de

infoscore Consumer Data GmbH, Abteilung Datenschutz, Rheinstraße 99, 76532 Baden-Baden, Fax 07221/5040-3201, www.arvato-infoscore.de

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