Protestler traf auf Roman-Autorin: Emotionen um Flucht und Asyl

Nicht nah beieinander: Bestseller-Autorin Jenny Erpenbeck (rechts) wurde von Bino Patras Bwansi (Mitte) kritisiert. Temye Tesfu (links) übersetzte im Literarischen Zentrum. Foto: Kopietz

Göttingen. Literaturlesungen dürfen anders sein: unrund und kontrovers. Im Literarischen Zenrum (Litz) trafen mit Bestseller-Autorin Jenny -Erpenbeck und dem Asyl-Kritiker Patras Bwansi höchst unterschiedliche Charaktäre aufeinander.

Jenny Erpenbeck hat den Roman „Gehen, ging, gegangen“ geschrieben“. Recherchiert hat sie auch am Berliner Oranienplatz – in einem Protestcamp von Flüchtlingen. Dort erfuhr sie von Schicksalen und den Problemen mit den Asylbehörden.

Die hat Patras Bwansi erlebt. Erst in Bayern, dann in Berlin. „In Bayern wurde mir verboten, Deutsch zu lernen“, berichtet der Nigerianer auf Englisch. Und erntet Unverständnis von einigen im Publikum. Das stachelt ihn an.

Bwansi ging in Berlin gegen das deutsche Asysgesetz auf die Straße. Im Litz protestiert er weiter, zeigt Stoff-Transparente, schwenkt Fähnchen. Und sagt Jenny Erpenbeck sofort und direkt ins Gesicht, dass ihm ihr Buch nicht gefällt. Darin fehle zu viel. Auch etwas darüber, was am Oranienplatz passiert sei. Was Behörden versprochen, aber dann nicht gehalten hätten.

Erpenbeck, ohnehin ein ruhiger Typ, bleibt gelassen. Betont, dass sie kein dokumentarisches Sachbuch geschrieben hat: „Es ist ein Roman.“ Darin schildet sie, wie ein eremitierter Hochschulprofessor Zeit hat und Gelegenheit findet, auf Flüchtlinge zu treffen – am Oranienplatz in Berlin.

„Flucht ist immer ein Verlust“, sagt Jenny Erpenbeck, die in der DDR aufgewachsen ist. „Ich wollte immer ein Buch über Flucht schreiben.“

Verloren hat auch Patras Bwansi viel. Die Heimat. Aber auch ein Stück persönlicher Ehre. Dafür gibt er auch Deutschland, den Asylgesetzen die Schuld.

Aufgeschrieben hat Bwansi einiges in seinen Essays, auch über das Protestcamp am Oranienplatz.

Darum sollte sich der Abend drehen. Eigentlich. Aber Bwansi las über die Folgen des Kolonialismus in Afrika. Weit weg vom Oranienplatz.

Essays hat auch Lydia Ziemke über ihre künstlerische Arbeit mit Flüchtlingen am Oranienplatz geschrieben. Sie sollte eigentlich mit auf dem Podium sitzen sollte – eine klug von Anja Johannsen zusammengestellte Runde. Aber Ziemke konnte nicht kommen. Sie hätte Bwansi besser verstanden, als Ersatzmoderatorin Judith Heidkamp, die mit der vehementen Kritik Bwansis nicht umgehen konnte und sie letztlich unterband.

Die Positionen hätten durchaus diskutiert werden können. Auch mit den Zuhörern. Einige von ihnen waren da schon weg – gegangen. Gehen ist manchmal der einfachere Weg – aber nicht der bessere. Fazit: Ein unrunder, sehr interessanter Literatur-Abend, bei dem aber viel im Raum stehen blieb. (tko)

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