Das Karl-May-Archiv in Göttingen ist vor allem für Filmfans eine Fundgrube

Im Reich von Winnetou

Gehegt und gepflegt: Geschäftsführer Michael Petzel zeigt die Wildlederkluft, die Pierre Brice in den Winnetou-Filmen trug. Rechts das Modell eines Pueblos. Foto:  pid

Göttingen. Die Räume sind nicht leicht zu finden. Erst geht es hinunter in den Keller, dann einen langen Flur mit Stahltüren entlang. Kein Hinweisschild. Eine Tür steht offen, vor ihr Michael Petzel. „Hier ist es“, sagt er. Nur wenige wissen, dass sich hinter dieser Kellertür eines Gebäudes im Göttinger Industriegebiet Grone eine einzigartige Sammlung befindet: Hier hat das Göttinger Karl-May-Archiv seinen Sitz. Es dokumentiert die gesamte Wirkungsgeschichte des Schriftstellers, der vor 100 Jahren am 30. März 1912 starb.

„Das ist ähnlich prägend wie der erste Kuss.“

Michael Petzel über Leseerlebnisse in jungen Jahren

Vor allem für Filmfans ist das Archiv eine wahre Schatzgrube. „Außer von drei Stummfilmen haben wir Kopien sämtlicher Karl-May-Verfilmungen“, sagt Michael Petzel. Der Lehrer ist Geschäftsführer des Archivs und hat ein Karl-May-Lexikon sowie ein Filmbuch herausgegeben.

Gegründet wurde das Archiv 1965 von seinem Vater und einigen anderen Sammlern, die damals einen Verein gründeten. Die Einrichtung finanziert sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.

Daraus hat sich eine Sammlung entwickelt, die ihresgleichen sucht. Allein die Bibliothek umfasst mehr als 5000 Karl-May-Bücher aus aller Welt, darunter Ausgaben aus Argentinien, China und Indonesien. Am beeindruckendsten sind die Archivalien zur Filmgeschichte, dem Spezialgebiet der Göttinger Einrichtung. Das Archiv beherbergt die Filme selbst und die Original-Drehbücher, zum Teil mit handschriftlichen Anmerkungen der Regisseure, mehr als 100 000 Filmfotos, außerdem Filmplakate, Programmzettel und Werbemittel. „In dieser Spezialisiertheit hat das sonst keiner“, sagt Petzel.

Hinzu kommen Requisiten, die das Herz jedes Karl-May-Fans höher schlagen lassen – unter anderem ein Nachbau der legendären Silberbüchse sowie mehrere Original-Gewehre, außerdem die beige Wildlederkluft, die Pierre Brice in seiner Rolle als Winnetou trug und das Originalkostüm von Uschi Glas aus ihrer ersten Hauptrolle als Halbblut Apanatschi. Die Filme erhielten diverse Auszeichnungen. Davon zeugen mehrere Film-Bambis und Goldene Leinwände in einer Vitrine.

Die Fankultur sei vor allem ein Reflex auf frühe Leseerlebnisse, meint Petzel. Karl May spreche in erster Linie junge Leser an: „Abenteuer in fernen Ländern, Helden, mit denen sie sich identifizieren und mitfiebern können, die große Männerfreundschaft, das wortlose Verstehen, der Sieg des Guten – alles das ist ein Stoff, der die Phantasie entzündet.“ Ein derartiges rauschhaftes Leseerlebnis habe man nur in diesen jungen Jahren. „Das ist ähnlich prägend wie der erste Kuss.“

Von Heidi Niemann

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