Zu niedrige Erlöse für Bauern

Göttingens Landvolk-Chef Hübner: Preise für Erzeuger gehen weiter nach unten

Demonstration mit Traktoren am Aldi-Zentrallager in Hedemünden
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Demonstration mit Traktoren am Aldi-Zentrallager in Hedemünden im Dezember: Viele Bauern sind über die niedrigen Erzeugerpreise sauer.

Die Landwirte in Südniedersachsen haben große Probleme. Sie sollen hochwertige Lebensmittel produzieren, gleichzeitig sind die Erzeugerpreise völlig im Keller.

Wir sprachen darüber mit Achim Hübner, dem Geschäftsführer des Landvolk-Kreisverbandes Göttingen.

Wie ist die Stimmung unter den Landwirten in Südniedersachsen?
Das ist nicht so einfach mit gut oder schlecht zu umreißen. Aus Sicht der Ackerbauern waren die Ernte und die Erlöse in diesem Jahr in Ordnung. Ganz anders sieht es bei der Fleisch- und Milchproduktion aus. Die Erzeugerpreise sind weiterhin am Boden und gehen weiter nach unten, während die Ladenpreise seit 2016 weiter steigen. Das ist ein strukturelles Problem.
Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Ja, für das Kilo Schweinefleisch erhielt der Landwirt 2016 noch 1,68 Euro, Anfang Dezember 2020 waren es aber nur noch 1,19 Euro. Gleichzeitig stieg der Durchschnittspreis an der Ladentheke von 5,96 Euro im Jahr 2016 auf aktuell 7,06 Euro. Damit erhöhte sich die Spanne für den Handel von 4,28 Euro auf 5,87 Euro pro Kilo. Das ist ungerecht. Da die Preise im Laden weiter steigen, ist das Argument, dass der Absatz zusammenbricht, falsch. Irgendjemand macht sich auf Kosten der Bauern die Taschen voll.
Im Nordwesten Niedersachsens wurden Discounter-Zentrallager bestreikt. Ist so etwas auch in Südniedersachsen denkbar?
Wir haben ein Aldi-Zentrallager in Hedemünden. Dort haben schon Demonstrationen stattgefunden. Man kann daran gut sehen, dass auch in unserer Region den Bauern das Wasser bis zum Hals steht. Die Initiative geht von den Landwirten selbst aus.
Wo liegen die Schwierigkeiten?
Wir haben weiterhin das Problem, dass die Auflagen an die Tierhaltung steigen, gleichzeitig die Verbraucher aber nicht bereit sind, dafür mehr zu bezahlen. Bei offenen Märkten funktioniert das nicht, da Produkte mit weniger Auflagen aus dem Ausland im Regal liegen. Wir können mehr Tierwohl garantieren, aber wir müssen trotzdem Geld dabei verdienen. Viele Landwirte hören auf, weil die wirtschaftliche Perspektive für den Betrieb immer stärker fehlt. Glücklicherweise gibt es für Bauern außerdem der eigenen Landwirtschaft gute Berufsaussichten in Südniedersachsen.
Wie sieht es mit Hilfen vom Staat für die Landwirtschaft aus?
Corona-Hilfen für die Landwirtschaft greifen nur ganz vereinzelt – insbesondere bei Spezialbetrieben, zum Spargel oder Gemüse. Grundsätzlich wird es immer schwieriger, an staatliche Unterstützung zu kommen, weil die Antragstellung und die Förderbedingungen immer komplizierter werden beziehungsweise kaum erfüllt werden können.
Haben Sie dazu ein konkretes Beispiel?
Natürlich. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte Mitte September 300 Millionen Euro für Baumaßnahmen ausgelobt, die das Tierwohl verbessern. Das Problem: Die Projekte müssen bis Ende 2021 abgeschlossen sein. In dieser kurzen Zeitspanne kann man noch nicht einmal eine Garage bauen.
Bei der Stromtrasse SuedLink ist eine Vorentscheidung für eine Variante gefallen, die westlich an Göttingen vorbeiführt. Was bedeutet das für die Landwirtschaft?
Zahlreiche Landwirte sind von der geplanten Erdtrasse betroffen. Westlich von Göttingen soll neben SuedLink auch eine 5,5 Kilometer lange Erdkabel-Trasse für die zweite Stromtrasse Wahle-Mecklar entstehen. Dafür gibt es noch keine Einigung über die Entschädigung per Rahmenvertrag, obwohl 2021 der Bau starten soll. Deshalb erwartete ich bei SuedLink schwierige Verhandlungen, die in diesen Tagen beginnen.
Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Amtsantritt des neuen Niedersächsischen Landvolk-Präsidenten Holger Hennies?
Wir hatten neben Holger Hennies mit Jörn Ehlers einen zweiten geeigneten Bewerber für das wichtige Amt. Es gab also eine echte Wahlmöglichkeit, und das ist gut so. Beide sollten jetzt als Team versuchen, wie bisher im Präsidium weiter zusammenzuarbeiten. Wir müssen im Landvolk noch schneller auf Entwicklungen reagieren. Vielleicht muss auch die Arbeiten in den Gremien flexibler gestaltet werden. (Bernd Schlegel)

Zur Person: Achim Hübner

Achim Hübner (52) ist diplomierter Landwirt und Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes „Landvolk Göttingen“in Rosdorf. Der dreifache Familienvater lebt im Staufenberger Ortsteil Spiekershausen.

Hintergrund: Krise trifft hunderte Landwirte in der Region

Die aktuelle Krise bei den Erzeugerpreisen in der Landwirtschaft trifft zahlreiche Betriebe in Südniedersachsen. Im Landkreis Göttingen gibt es 83 Milchviehhalter sowie 77 im Landkreis Northeim; Schweinehalter: 240 in Göttingen, 105 in Northeim 105; Zuchtschweinehalter: 47 in Göttingen, 22 in Northeim. Das Landvolk hat in Göttingen 1500 Mitglieder, im Landkreis Northeim deutlich mehr als 2000.

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