Skulpturen aus Beton

Kunst aus dem Knast: Häftlinge und JVA-Personal waren gemeinsam kreativ

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Arbeiteten auf Augenhöhe: von links Kreativwerkstatt-Leiterin Ute Holst, die am Projekt beteiligten Häftlinge D.L. und M.K. sowie die Seelsorger Stefan Manzeck und Henning Goeden.

Rosdorf. "Wir sind eingesperrt, aber das hatte etwas befreiendes": Häftlinge haben zusammen mit Bediensteten der JVA Rosdorf bei einem Kunstprojekt acht Betonskulpturen gestaltet. 

Die Skulpturen aus Betonmörtel stehen auf dem schmalen Grünstreifen vor den stacheldrahtbewehrten Mauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rosdorf. Enstanden sind sie in einem gemeinsamen Projekt von Inhaftierten und Bediensteten des Gefängnisses unter der Anleitung eines Künstlers aus Bad Gandersheim.

„Kunst im Vollzug ist gar nicht so ungewöhnlich“, sagte JVA-Leiterin Regina Weichert-Pleuger bei der Vorstellung der Kunstwerke am Mittwoch. Davon bekomme die Öffentlichkeit in der Regel aber nur wenig zu sehen. Auch deshalb habe man sich entschieden, die Skulpuren vor der Anstalt aufzustellen, um sie mehr Menschen zugänglich zu machen. 

Fünf Inhaftierte, davon zwei aus der Sicherheitsverwahrung der JVA, hatten sich an dem Projekt beteiligt und schufen Skulpuren zum Thema „Menschenbilder – Bilder von Menschen“.

„In jedem Menschen steckt etwas Gutes und Böses“

Für die Häftlinge war es eine besondere Erfahrung: „Ich bin seit zehn Jahren hier, also seit es die JVA gibt“, sagte einer der Beteiligten. „Unter freiem Himmel an den Skulpturen zu arbeiten war ein unglaubliches Gefühl.“ Er hat sein Werk „Diangelo“ getauft – eine Zusammensetzung von Teufel und Engel. Die Guten sind frei, die Bösen sind eingesperrt – so einfach sei es nicht immer. „Ich will zum Ausdruck bringen, dass in jedem Menschen Gutes und Böses steckt“, sagt der Künstler, dessen Kürzel M.K. ist.

Die einzige Vorgabe vom Gefängnis war die Grundform der Werke: ein Gartenstuhl aus Plastik. Die Gestaltung lag in den Händen der Künstler – das waren neben den Inhaftierten die Leiterin der Kreativwerkstatt und zwei Seelsorger der JVA. Der Grundgedanke des Projektes sei, nicht nur auf die Defizite, sondern auch das Potenzial der Menschen zu gucken, erklärte JVA-Seelsorger Stefan Manzeck. Und lobte die Gelassenheit und Kompetenz von Künstler Bernd Löning, der das Projekt begleitete.

Künstler aus Bad Gandersheim

Bernd Löning

Der Gelobte war zu Beginn allerdings alles andere als gelassen: „Ein Gefängnis ist schon eine einschüchternde Kulisse“, sagte Löning, „ich kannte das bisher ja nur aus Krimis.“ Der Bad Gandersheimer hat seit 1980 ein Keramikatelier im Klosterhof Brunshausen und viel Erfahrung mit witterungsfestem Betonmörtel. „Besonders beeindruckt hat mich freundliche Umgang zwischen Gefangenen und Personal“, sagte Löning.

Für die am Projekt beteiligten JVA-Angestellten sei das eine Herausforderung gewesen, sagte Leiterin Weichert-Pleuger. Sie mussten ein Stück weit auf Augenhöhe mit den Inhaftierten agieren, gleichzeitig aber die nötige Distanz wahren. Eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft sei aber nur möglich, wenn Häftlinge und Vollzug gemeinsam daran arbeiteten.

Die Leitung der Vollzugsanstalt will das Projekt auf jeden Fall wiederholen. „Beim nächsten Mal bin ich mit meinem eigenen Exponat dabei“, sagte Weichert-Pleuger.

So sind die Skulpturen entstanden

Im Rahmen eines Workshops haben die Künstler fünf Tage lang an ihren Skulpturen gearbeitet. Als Grundmodell diente ein herkömmlicher Gartenstuhl aus Plastik. Mit einem Aufbau aus feinmaschigem Draht wurde den Werken die spätere, außergewöhnliche Form gegeben. 

„Der Draht ist wie ein Knochengerüst“, erklärt Künstler Bernd Löning den Schritt. Anschließend wurden die Skulpturen mit Betonmörtel überzogen. Nach einer ersten Trockenphase folgten die Feinarbeiten, bei denen etwa hervorstehende Kanten abgeschliffen wurden. Zum Abschluss wurden die Kunstwerke zwei Tage lang bemalt.

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