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Tödliche Skinhead-Attacke: Rundweg, Mahnmal und Straßenname sollen erinnern

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Von: Michael Caspar

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Die Friedensstraße in Rosdorf.
In der Friedensstraße in Rosdorf erinnert heute nichts mehr an die Ermordung von Alexander Selchow in der Neujahrnacht 1990/91. © Michael Caspar

Vor gut 30 Jahren wurde in Rosdorf ein Mann Opfer einer tödlichen Attacke durch Skinheads. Nun wollen die Rosdorfer an diesen Vorfall erinnern.

Göttingen – Ein Rundweg, ein Straßenname, ein Mahnmal: 50 Rosdorfer haben Ideen erörtert, wie sie dem vor gut 30 Jahren von Skinheads getöteten Alexander Selchow gedenken können.

Nichts erinnert heute in der Rosdorfer Friedensstraße an die Neujahrsnacht 1990/91. Damals brachten zwei 17-Jährige den 21-jährigen Selchow mit Messerstichen und Fußtritten um. Der Wehrpflichtige hatte mit Freunden in nahen Bahnhofsstraße Silvester gefeiert und wollte kurz nach Hause in den Spickenweg. In den dortigen Häuserblocks wohnten auch die Skinheads.

Der Tatort soll eine Station des geplanten Rundwegs werden. Darüber waren sich die Rosdorfer einig, die auf Einladung einer zehnköpfigen Arbeitsgruppe um Projektleiter Karsten Knigge im Familienzentrum zusammengekommen waren.

Porträt Harald Lindner
Zeitzeuge: Der Sozialarbeiter Harald Lindner bemühte sich in den 90-er Jahren die 16- bis 21-jährigen Rechtsextremisten zu erreichen © Michael Caspar

Auch das Jugendzentrum Am Plan ist als Station im Gespräch. Das hatten die damals 30 bis 50 Anhänger der rechtsextremen Szene „übernehmen“ wollen, erinnerte sich Zeitzeuge Harald Lindner. Der Sozialarbeiter bemühte sich von 1992 bis 1996 im Auftrag der Gemeinde die 16- bis 21-jährigen Rechtsextremisten zu erreichen.

Mit dem „politisch-moralischen Zeigefinger“ wäre das nicht möglich gewesen, betonte er. Lindner versuchte, die jungen Menschen ernst zu nehmen, ihnen bei familiären und schulischen Problemen zu helfen.

Einfach sei das nicht gewesen, stellte der ehemalige Gemeindejugendpfleger klar. Hart hätte er zum Beispiel ringen müssen, als er bei einem Kanuausflug auf der Leine ein Alkoholverbot durchsetzen wollte. Einmal standen die beiden späteren Täter abends bei ihm vor der Haustür, um über Politik zu diskutieren. Rechte Gewalt erlebten damals viele in Stadt und Landkreis, erinnerten sich andere Zeitzeugen. Skinheads bedrohten und verprügelten Gleichaltrige, aber auch andere Menschen.

Ortsbürgermeister Bernd Schütze (SPD) kannte den Haupttäter von seiner Arbeit beim Göttinger Bildungsträger Arbeit und Leben. Dort hatte der Jugendliche seinen Hauptschulabschluss nachholen wollen. Weil er aber auffällig wurde, warf ihn Schütze raus. Ein paar Wochen später brachte der 17-Jährige Selchow um.

Als Gedenkort ist auch das Rosdorfer Kriegerdenkmal im Gespräch, wo Anhänger der rechtsextremen NPD, schon Kränze niedergelegt haben. Eine weitere Station könnte das Rathaus werden, wo viele Menschen ein und ausgehen. Der Arbeitskreis sucht Zeitzeugen für Interviews.

Sie sollen über QR-Codes an den verschiedenen Stationen abrufen lassen. Die Aufbereitung der Informationen übernehmen voraussichtlich Mediendesign-Studierende aus Salzgitter. Das Projekt, das vom Gemeinde- und vom Ortsrat mit insgesamt 7000 Euro unterstützt wird, soll noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. (Michael Caspar)

Info: alexander-selchow.de

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