Überleben dank Klinik, Therapiekeule und Blutsbruder

Sarah B. erhielt in Göttinger Uni-Klinik die erste allogene Stammzellentransplantation

Gerald Wulf und Sarah B.
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Treffen mit dem Professor: Gerald Wulf hat Sarah 2002 behandelt und ihr das Leben nach einer Leukämieerkrankung bewahrt. Jetzt trafen sie sich wieder.

2002 war die Göttingerin Sarah B. die erste Patientin, die in der Göttinger Uni-Klinik eine allogene Stammzelltransplantation von einem nicht-verwandten Spender erhielt. Jetzt traf sie an der UMG ihren Professor Gerald Wulf wieder.

Göttingen – Es wurde ein freudiges und herzliches Wiedersehen nach einer glücklich verlaufenden Krankheitsgeschichte, die Sarah auf 304 Seiten in einem Buch niedergeschrieben hat.

Sarah ist 17 Jahre alt, als sie im April 2001 die niederschmetternde Diagnose „Akute lymphatische Leukämie“ verkraften muss. Bei der Leukämie wird eine blutbildende Zelle durch Veränderungen der Erbsubstanz (Mutationen) bösartig, vermehrt sich unkontrolliert und verdrängt die Bildung gesunder Blutkörperchen im Knochenmark.

Also bekommt Sarah in der UMG-Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie unter Leitung von Prof. Lorenz Trümper eine Chemotherapie gegen die Akute Lmyphatische Leukämie. Acht Wochen verbringt sie für den ersten Therapiezyklus in der UMG. Ihre Mutter ist stets an ihrer Seite und gibt ihr Kraft, um die belastende Therapie durchstehen zu können. Auch ihre Zimmernachbarin ist eine echte Stütze. Beide haben das Motto: „Aufgeben is nich“.

Anfangs sieht es gut aus, die Leukämie ist nach der Chemo nicht mehr nachzuweisen. Ein halbes Jahr später dann der Schock: ein Rückfall und die Hiobsbotschaft, dass die Krankheit jederzeit wieder kommen kann. „Das war wirklich schwer für mich“ beschreibt die heute 36-jährige Sarah den „schlimmsten Fall, der eintreten konnte“. „Als mich die Ärzte über die Stammzellen-Transplantation aufgeklärt haben, war ich verzweifelt.“ Denn lange Zeit war sie davon ausgegeangen, dass sie nie eine Transplantation benötigen würde. „Plötzlich war diese von jetzt auf gleich meine einzige Hoffnung. Um zu überleben, blieb mir nur diese eine Option. Also entschied ich mich dafür.“

„An der UMG führen wir seit 1993 autologe und seit 2001 allogene Stammzelltransplantationen durch“, beschreibt Prof. Gerald Wulf, Leitender Oberarzt der Klinik, der auch schildert, dass vor allem die allogene Stammzelltransplantation in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Grund dafür ist, „dass die vorbereitende Therapie vor einer Transplantation inzwischen darauf abzielt, das ‘alte‘ Immunsystem des Erkrankten zu unterdrücken, um dann den Aufbau eines neuen transplantierten Spenderimmunsystems mit möglichst geringen Nebenwirkungen zu erlauben.“

In der Familie von Sarah B. wird 2002 kein passender Spender gefunden. Die Übereinstimmung der Gewebemerkmale, der HLA-Merkmale, war zu gering. Aber: Die Suche nach einem Fremdspender gelingt. Die damals 17-Jährige wird mit einem hochdosierten Mix aus Chemotherapie und Ganzkörperbestrahlung auf die Transplantation vorbereitet. Diese „Konditionierung“ wirkt wie eine Keule: noch vorhandene Leukämiezellen werden vernichtet, gleichzeitig das Empfänger-Immunsystem geschwächt, damit der Körper das neue gesunde Immunsystem des Spenders nicht abstößt.

Vier Wochen verbringt Sarah B. isoliert im Einzelzimmer auf der UMG-Station „Holland“ und wird von einem Team aus Ärzten, Pflegenden, Psychologen und Physiotherapeuten betreut.

Die Transplantation ist nicht – wie man meinen könnte – eine Operation: Sarah B. erhält gesunde Stammzellen ihres Spenders über die Vene, wie bei einer Bluttransfusion – Es sind die Stammzellen für „ihr“ neues Immunsystem. Die Folge ist auch eine neue Blutgruppe. Doch Sarah B.s neues Immunsystem wehrt sich, möchte ihren Körper abstoßen – sie bekommt Probleme mit dem Darm, Magen, der Haut, den Augen und Nieren, muss bis zu 30 Tabletten am Tag nehmen – eine enorme Belastung.

18 Jahre später sind Sarah all die Torturen nicht mehr anzusehen. Einige Einschränkungen aber sind ihr geblieben. Dennoch: auch mit dem Wissens um die Langzeitfolgen sagt sie überzeugt: „Ich würde heute wieder genauso entscheiden wie damals.“. Auch mit ihrem Spender, quasi ihrem Blutsbruder, hat Sarah regelmäßigen Kontakt. „Wir waren uns gleich sympathisch und es gab ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit“, lacht sie. „Sein Blut fließt in meinen Adern, und ich habe sogar seine Allergien geerbt. Ich bin ihm extrem dankbar dafür, dass ich durch seine Spende noch am Leben bin.“

Leukämie- und Lymphomerkrankungen: maßgeschneiderte Therapien

Die UMG-Klinik ist eine von drei Kliniken in Niedersachsen, die allogene Knochenmark- und Stammzelltransplantationen bei Patienten mit Bluterkrankungen vornimmt. So behandelt die Klinik jährlich 160 Patienten – zu ungefähr gleichen Teilen mit autologen (Eigenspenden) und allogenen (Fremdspenden) Stammzellpräparaten. 2020 stand in der Klinik die eintausendste allogene Knochenmarkstransplantation zu Buche. So ist eine Menge Erfahrung vorhanden.

In der Behandlung der Leukämie hat sich fiel verändert. Heute können aufgrund des technischen Fortschritts und der molekularen Diagnostik maßgeschneiderte Therapien angeboten werden, die weitaus schonender sind weniger Nebenwirkungen als frühere. „Da die Häufigkeit von Krebserkrankungen mit dem Lebensalter deutlich zunimmt, ist diese Entwicklung vor allem für ältere oder vorerkrankte Patienten eine entscheidende Verbesserung“, sagt Prof. Gerald Wulf. Bei den häufigen Lymphom- und Leukämie-Erkrankungen sind mehr als die Hälfte der Patienten über 60 Jahre alt. „Diesen Patienten können wir heute zelluläre Therapieverfahren mit der Chance auf Heilung anbieten, auch, weil sie weniger belastend sind.“

Eine Hoffnung für die Zukunft ist die zielgerichtete neuartige Immuntherapie, wie mit CAR-T Zellen. „Damit können wir körpereigene T-Zellen so umprogrammieren, dass sie auch Tumorzellen angreifen und eliminieren können, die zuvor einer Chemotherapie entgangen waren“, schildert Prof. Lorenz Trümper. Er bezeichnet die CAR-T Zellen als einen weiteren Meilenstein für die personalisierte Krebstherapie. “ An der UMG wird diese Therapie als eines von 26 Zentren in Deutschland seit zwei Jahren angeboten.

(Thomas Kopietz)

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