Kritik an Huldigung von ehemaligen NS-Sympathisanten

Gutachten soll helfen: Schluss mit Nazi-Straßennamen

Diese Straßennamen sollen weg: Hermann Rein und Rudolf Stich hatten Verbindungen zu Hitlers NSDAP oder damals staatlichen Organisationen. Archivfoto: Kopietz

Göttingen. Rudolf Stich war ein angesehener Mann in Göttingen. Der Chirurg brachte es 1955 sogar zur Ehrenbürgerschaft. Mit seinem Namen in Verbindung steht ein markantes Haus an der Weender Landstraße - gleich hinter der Esso-Tankstelle.

In besagter „Villa Stich“ mit der Stich-Gedenktafel hat seit 2010 das Institut für Demokratieforschung der Uni Göttingen seinen Sitz. Die Forscher arbeiten nun an einem Gutachten, das dem Dienstsitz und Rudolf-Stich-Weg in der Nordstadt den Namen rauben könnte. Sie untersuchen die Vergangenheit des als NS-Sympathisanten geltenden Stich.

Im Winter kündete ein gefälschter Brief der Stadt - „Bürgerinformation“ vonder Umbenennung auch des Rudolf-Stich-Wegesin der Nordstadt. Jetzt greift ein von vielen Organisationen und Parteien unterzeichneter offener Brief an den Ortsrat Weende und die Stadt die Initiative auf. Gefordert wird:

• Umbenennung des Rudolf-Stich-Wegs und der Hermann-Rein-Straße,

• Umbenennung der Villa Stich, Entfernung der Gedenktafel am Institut für Demokratieforschung,

• Wahl der neuen Namensgeber aus dem Göttinger Widerstand gegen die NS-Diktatur,

• Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Stichs.

• Einrichten einer Kommission zur Überprüfung von Würdenträgern auf eine NS-Vergangenheit.

Bekanntes Haus in Göttingen: Die „Villa Stich“ wurde nach Rudolf Stich benannt und beherbergt das Institut für Demokratieforschung, das wiederum die NS-Vergangenheit des Göttinger Mediziners und Ehrenbürgers untersucht, der 1960 starb. Foto: Kopietz

In Göttingen ist das Thema kein neues. Heiß diskutiert wurde die nationalsozialistische Vergangenheit von Heinrich Sohnrey. In Geismar gibt es eine nach ihm benannte Straße. Die Debatte bewirkte, dass die Stadt die Vita Sohnreys vom Historischen Institut der Uni prüfen lässt. Die sei aufwändig und ein Ergebnis Mitte des Jahres zu erwarten, hatte Uni-Pressesprecher Romas Bielke im Februar gesagt. Nach Sohnrey benannte Straßen gibt es auch in Moringen, Neuhaus/Solling und Bad Lauterberg.

Auch die Vergangenheit von Rudolf Stich wird intensiv untersucht, vom Institut für Demokratieforschung. 2014 soll das Ergebnis vorliegen. Das Warten aber sei unnötig, sagen die Protestierenden, auch weil das Bekannte ausreiche, die Straßennamen zu ändern: Stich war förderndes Mitglied der SS, Mitglied der SA und NSDAP, schreibt das Institut für Demokratieforschung auf der Internetseite. „Stich hätte auch die Verantwortung für die Zwangssterilisation an Jungen und Männern getragen“, heißt es in dem offenen Brief. „Es kann nicht sein, dass Personen mit solch´ menschenfeindlichem und rassistischem Hintergrund Teile des alltäglichen Stadtlebens bleiben.“ Straßennamen dienten zur Ehrung bestimmter Persönlichkeiten. Unterzeichner des Briefes sind auch die Linke-Fraktion, Jusos, BUND-Jugend, der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften, Amnesty International und der Arbeitskreis Asyl.

Falscher Brief als Initialzündung

Unbekannte verkündeten Ende Februar in einem gefälschten Brief der Stadtverwaltung die Umbenennung zweier Straßenin der Nordstadt, den Rudolf-Stich-Weg und die Hermann-Rein-Straße. Grundlage für den vermeintlichen „Umbenennungsbeschluss“ sei eine nicht öffentliche Sitzung des Kulturausschusses. Gezeichnet ist die Bürger-Info mit dem Namen Heiner Müller.

Mitleidsvoll wird von den aus der Umbenennung resultierenden Belastungen für die Anwohner gesprochen. Alle Leistungen, wie Adressänderung im Personalausweis, seien deshalb kostenlos. Ferner sei beschlossen worden, heißt es in dem falschen Schreiben, dass Rudolf Stich die Göttinger Ehrenbürgerschaft entzogen wird. „Die Büste von Hermann Rein im Physiologischen Institut wird umgehend entfernt.“ Auch die Büste von Rudolf Stich im Seminar für Deutsche Philologie werde beseitigt.

Die Stadt bezeichnete den Brief als Fälschung. Eine Entscheidung hänge auch von der Prüfung des Falles Sohnrey, nach dem eine Straße in Geismar benannt ist, und den Ergebnissen der Prüfung durch die Historiker der Uni Göttingen ab.

Im Gö-Wiki übrigens kommt Rudolf Stich gut weg. Die Eintragung lautet: „Professor Dr. Rudolf Stich war einer der bedeutendsten Chirurgen Deutschlands. Er wirkte von 1911 bis 1945 als Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in Göttingen und war seit 1955 Ehrenbürger der Stadt. Er starb im Alter von 85 Jahren am 18. Dezember 1960.“ (tko)

Von Thomas Kopietz

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