Göttingen hatte den ersten E-Radschnellweg und sammelt Erfahrungen

Schnellweg in Göttingen: Radler-Autobahn mit Bremspunkten

Der E-Radschnellweg Göttingen
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Überholen problemlos möglich: Der E-Radschnellweg Göttingen, der 2013 als bundesweites Pilotprojekt startete, gibt es breite Fahrbahnen und Kennzeichnungen. Zählstationen, wie an der Robert-Koch-Straße am Klinikum, dienen der wissenschaftlichen Projektbegleitung durch die Uni Göttingen.

Vier Meter breit, dicke blaue und zudem weiße, taktile Begrenzungslinien sowie auffällige Piktogramme über die gesamte Breite, dazu ein Spezialasphalt mit reduziertem Rollwiderstand – das ist der E-Radschnellweg.

Göttingen – Mit diesem vom Bund geförderten Projekt war Göttingen bundesweit Vorreiter. Ortsunkundige Autofahrer staunen über diese Fahrrad-Autobahn, die ihnen sogar Fahrspuren wegnimmt, dort, wo die Fahrradtrasse von der Fahrbahn abgesetzt gebaut worden ist – wie am Nikolausberger Weg.

An anderer Stelle, wie in der Goßlerstraße, fahren Autos und Fahrräder in Tempo-30-Zonen auf einer Ebene. Die Radfahrer jedenfalls haben dort Vorrang, Auto- und Busfahrer müssen hinterherzuckeln – manchmal murrend oder gar ausscherend.

Göttingen ist eine Fahrradstadt, sie spielt in der Liga der fahrradfreundlichsten Kommunen Deutschlands ganz weit oben mit. Ein Grund für die Auszeichnungen ist das Pilotprojekt E-Radschnellweg. Zunächst führte er auf knapp vier Kilometern vom Uni-Nord-Campus bis zum Bahnhof. Mittlerweile ist er gewachsen, soll bald die einwohnerstarken, angrenzenden Gemeinden Bovenden und Rosdorf anbinden.

Der E-Radschnellweg kostete rund 1,8 Millionen Euro. Möglich gemacht hat den Bau neben dem kräftigen Eigenanteil der Stadt (gut 600 000 Euro) eine millionenschwere Förderung des Bundes über das „Schaufenster Elektromobilität“.

Die Stadt verfolgt ein klares Ziel: Möglichst viele der 30 000 innerörtlichen Pendler sollen auf das Fahrrad oder E-Bike umsteigen. Damit sie das tun, muss es Vorteile haben, vor allem einen Zeitgewinn gegenüber Fahrten mit Bus und Auto. „Das geht manchmal auf“, sagt Lutz Kolbe. Der Professor für Informationsmanagement befasst sich in seiner Mobilitätsforschungsgruppe auch mit dem Projekt E-Radschnellweg und generell der E-Mobilität. So ist gerade mit dem Kooperationspartner HNA in Göttingen das Ped-Share-Projekt mit E-Fahrrädern angelaufen. Im Fokus steht dabei die Akzeptanz und Nutzung von E-Bikes in Betrieben.

Getestet wurde über E-Leihfahrräder auch bereits die Akzeptanz in Uni, Einrichtungen und Behörden. „Wir wollen auch wissen, wie eine bessere Infrastruktur – so der E-Radschnellweg – einen Effekt auf das Nutzungsverhalten und die Wahl der Verkehrsmittel haben“, sagt Kolbe, für den Göttingen dank seiner Kompaktheit ideale Voraussetzung für den Fahrradverkehr bietet. 75 Prozent der Radfahrten in Göttingen sind unter fünf Kilometer lang.

Die 2013 eröffnete Rad-Autobahn haben die Göttinger schnell angenommen, wie Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) sagt. „Der Bau hat das Zeichen gesetzt, dass die Stadt etwas für Radfahrer tut. Der E-Radschnellweg ist ein Erfolg, die Fortführung, auch die Trassenplanung schwieriger.“ Die Stadt aber stehe bei der Erweiterung aber vor Hürden: „Es gibt unglaublich hoher Planungsvorgaben.“

Dass der E-Radschnellweg ein Renner ist, dokumentieren die an den beiden Zählstationen ständig umspringenden Digitalanzeigen. An der Berliner Straße und Robert-Koch-Straße rauschten schon 2014 mehr als 1,2 Millionen Radfahrer vorbei, was einem Tagesdurchschnitt von 3323 entsprach. „Weniger sind es nicht geworden“, sagt Köhler schmunzelnd.

Aber es gibt auch Kritik: Mobilitätsforscher Kolbe, selbst begeisterter Radfahrer, moniert, dass die Biker zu oft ausgebremst werden, vor Kreuzungen an Ampeln, hinter wartenden Autos, wo kein Vorbeifahren möglich ist. Das sei schlecht. Letztlich gehe es in den Projekten auch um die CO2-Einsparung, sagt Kolbe.

Köhler nimmt die Kritik an, fügt aber an: „In einer gebauten Stadt ist es schwer, mehr Platz für Radfahrer zu bekommen.“ Es sei immer eine Güter- und Interessenabwägung. Den Grünen im Stadtrat aber geht die Fahrradfreundlichkeit nicht weit genug: Sie fordern seit Jahren einen Ausbau der Rad-Infrastruktur, auch mehr Abstellflächen. „Ganz, klar, da muss die Reise hingehen“, sagt Professor Kolbe. Für den E-Radschnellweg hieße das: Der Verkehr muss flexibler geregelt werden. „Wenn sich eine Radler-Gruppe auf dem E-Radschnellweg einer Ampel nähert, dann muss diese zügig auf Grün umschalten.“ (Thomas Kopietz)

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