Kampf um die Klassenfahrten: Schüler-Demonstration in Hannover

Protest: Etwa 3000 Schüler demonstrierten gestern in Hannover gegen den Klassenfahrten-Boykott von Gymnasiallehrern. Der Landesschülerrat hat zu einem landesweiten Schulstreik aufgerufen. Foto: dpa

Hannover/Göttingen. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Fahrten klaut“, skandieren etwa 3000 Schüler vor dem Ministeriumsgebäude in Hannover.

Aus allen Teilen des Landes sind sie gestern mit Bahn und Bussen angereist, um ihrem Unmut über den Wegfall von Ausflügen, Klassenreisen und Austauschprogrammen auszudrücken. An etlichen Gymnasien gibt es in diesem Schuljahr keine oder deutlich weniger Fahrten; die Lehrer protestieren so gegen die ihnen von der rot-grünen Landesregierung aufgedrückte Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung um eine auf 24,5 Stunden.

„Wir und die Schüler unserer Partnerschulen im Ausland leiden darunter“, schimpft die 15-jährige Rosa Stierling aus der 9. Klasse des Hainberg-Gymnasiums in Göttingen. „Klassenfahrten sorgen für den sozialen Zusammenhalt der Schüler“, meint ihr gleichaltriger Klassenkamerad Kianoush Abutalebi. „Die Lehrer sollen ihre Probleme nicht auf unserem Rücken austragen.“

Bei Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) stoßen sie auf volles Verständnis. „Es gibt keinen Grund, die Fahrten abzusagen. Die Schüler haben mich auf ihrer Seite“, sagt die Ressortchefin, nachdem sie eine fünfköpfige Delegation des Landesschülerrates empfangen und eine Unterschriftenliste entgegengenommen hat. Die Stunde Mehrarbeit rechtfertigt sie jedoch als „vertretbaren Beitrag“ der Gymnasiallehrer für den Ausbau der Ganztagsbetreuung. Mit 24,5 Stunden liegen Niedersachsens Gymnasien im Bundesvergleich im Mittelfeld. Hiesige Grundschullehrer müssen 28 Stunden, Realschullehrer 26,5 Stunden unterrichten.

Nicht alle Schüler freilich mögen die Schuld allein ihren Lehrern in die Schuhe schieben. „Wir demonstrieren indirekt auch für unsere Lehrer“, meint eine Göttinger Neuntklässlerin. Der Vorsitzende des Schülerrats, Helge Feußahrens nennt hingegen den Boykott „herzlos und eiskalt.“ Man sei zu Gesprächen bereit, teilt der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz, mit. Rot-Grün verweigere sich aber sachgerechten Lösungen beharrlich.

CDU und FDP werfen der SPD-Ministerin „Sturheit“ vor. Für Heiligenstadt tut sich schon die nächste Front auf. Die Niedersächsische Direktorenvereinigung (NDV), der Verband der Leiter von Gymnasien, präsentiert ein Gutachten des Göttinger Staatsrechtlers Alexander Thiele, wonach ihre Arbeitsbelastung längst den Status „verfassungswidrig“ erreicht habe. Ihnen seien immer mehr Aufgaben zugewiesen worden, beklagt Wolfgang Schimpf, Oberstudiendirektor am Max-Planck-Gymnasium Göttingen. Inzwischen kämen er und seine Kollegen auf eine 50- bis 60-Stunden-Woche: „Selbstausbeutung ist ein Dienstvergehen.“ KOMMENTAR

Von Peter Mlodoch

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.