Nach Untersuchung sämtlicher Objekte

Von den Nazis erbeutet: Göttingen gibt jüdisches Kulturgut zurück

Rückgabe vom jüdischem Kulturgut: Bei der Feierstunde im Städtischen Museum in Göttingen waren Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (links) und Prof. Dr. Michael R. Hayden (rechts) sowie weitere Nachfahren des Unternehmerpaares Max Raphael und Gertrud Hahn dabei. Foto: Schröter

Göttingen. Die Stadt Göttingen hat zum ersten Mal jüdisches Kulturgut zurückgegeben, das während des nationalsozialistischen Regimes unrechtmäßig aus jüdischem Besitz in das Städtische Museum gelangt war.

Die entsprechende Urkunde übergab Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler am Samstag während einer Feierstunde an Prof. Dr. Michael R. Hayden, einem Enkel des jüdischen Unternehmerehepaars Max Raphael und Gertrud Hahn.

Es war eine ergreifende Veranstaltung, an der neben zahlreichen Gästen auch 15 weitere Nachkommen des 1941 dem Holocaust zum Opfer gefallenen Ehepaares teilnahmen. „Die Gegenstände, die wir zurückerhalten, sind nicht wichtig, was den Wert angeht, aber sie sind wichtige Erinnerungsstücke an meine Großmutter und meinen Großvater“, betonte der in Kanada lebende Hayden, der tags zuvor noch für seine Forschungen auf dem Gebiet der Mikrobiologie mit der Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen ausgezeichnet worden war.

Neuer Anfang

„Die Rückgabe kann natürlich nicht den Schmerz nehmen für das, was vor über 70 Jahren passiert ist, aber sie hilft uns allen, einen neuen Anfang zu machen“, sagte Hayden. Es sei ein erster Schritt für ihn, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen. „Und ich bin nicht nur sehr dankbar für das, was Sie tun, sondern vor allem dafür, wie Sie es tun“, sagte er an all jene gerichtet, die mit der Rückgabe zu tun hatten.

Möglich geworden war diese nach einer in den Jahren 2008 bis 2010 erfolgten Untersuchung aller in der NS-Zeit im Städtischen Museum eingegangenen Objekte - nach eigenen Angaben der ersten Untersuchung dieser Art eines stadt- und kulturgeschichtlichen Museums in Niedersachsen. Dabei konnten 115 Gegenstände festgestellt werden, die ihren jüdischen Vorbesitzern zu Unrecht entzogen wurden - unter anderem Möbel, Haushaltsgegenstände, Gemälde und Zeichnungen. Im Fall von Max Raphael und Gertrud Hahn handelte es sich um 17 Gegenstände, darunter Möbelstücke, eine Ofenplatten, eine Serviette, eine Haarspange und ein Buch. Das Unternehmerpaar war 1938 in Göttingen zunächst enteignet, 1941 von der SS nach Riga verschleppt und ein Jahr später dort ermordet worden.

Fotos: Göttingen gibt jüdisches Kulturgut zurück

Stadt Göttingen gibt jüdisches Kulturgut zurück

„Mit der Rückgabe der Gegenstände will die Stadt ein kleines Zeichen für die Wiedergutmachung großen Unrechts setzen, das den Eheleuten Hahn, aber auch den anderen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zugefügt worden ist“, betonte Göttingens neuer Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler. „Wir wollen um Vergebung bitten und wissen doch, dass es keinen Anspruch auf diese Vergebung gibt“, sagte er an die Nachkommen des Ehepaars Hahn gerichtet. „Ich hoffe dennoch, dass Göttingen nach und nach den Schrecken verliert, den es für Sie und Ihre Familien lange gehabt haben muss“, sagte Köhler. (per)

Hintergrund: Beutestücke aus jüdischem Besitz in zentraler Datenbank „Lost Art“

Das Städtische Museum Göttingen besitzt weitere 98 Gegenstände, die ihren jüdischen Vorbesitzern seinerzeit unrechtmäßig entzogen worden waren. Diese Stücke wurden inzwischen in eine zentrale Datenbank eingestellt.

„Lost Art“ heißt die Datenbank, die von einer Koordinierungsstelle in Magdeburg betrieben wird. Sue ist die zentrale deutsche Serviceeinrichtung für Kulturgutdokumentation und Kulturgutverluste. Sie wird vom Bund und allen Ländern getragen.

In einem anderen Fall haben die Nachkommen nach Angaben der Göttinger Stadtverwaltung bereits auf eine Rückerstattung verzichtet und dem Museum die von den Nationalsozialisten geraubten Objekte überlassen. (per)

www.lostart.de

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