Stilles Scheitern einer Lehrerin: Junges Theater Göttingen zeigt Agnes Giese

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Nachdenklich: Jan Reinartz und Agnes Giese (Inge Lohmark).

Göttingen. Ausgerechnet wenn sie über Schnecken sinniert, kehrt Inge Lohmark, ihre verletzliche Seite hervor. Wenn sie sich erinnert, als Kind den Mollusken ein Heim bereitet zu haben, wird ihre Stimme ganz sanft, ihr angespannter Körper weich.

Inge Lohmark ist eine Lehrerin vom alten Schlag. Enthusiastische Wissensvermittlerin, Kämpferin für den Frontalunterricht, für unangekündigte Kurztests und strikte Neutralität gegenüber allen Schülern.

Das Junge Theater im Regiowiki

Nach dem Roman „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky inszeniert Götz Lautenbach ein Zwei-Personen-Stück für das Junge Theater in Göttingen. Zur Premiere gab es viel Applaus im nicht ausverkauften Haus. Es ist der große Abend von Agnes Giese, unterstützend schlüpft Jan Reinartz als Bronzefigur, die Lohmarks fiktives Gegenüber wird, in verschiedene kleine Rollen. Er ist imaginärer Ehemann, Kollege, Chef und gibt den Figuren unterschiedliche Betriebstemperaturen mit: herrisch, fordernd, solidarisch, zärtlich.

Auf der quadratischen Spielfläche, um die das Publikum verteilt sitzt, arrangiert Giese Brotdose und Thermoskanne wie Schüler im Klassenzimmer, Podeste werden zum Bus, der sie in der mecklenburg-vorpommerschen Pampa an ihre Arbeitsstätte bringt, zu Lehrerzimmer oder Pausenhof. Ein besonders poetischer Moment der Intimität entsteht, wenn Giese und Reinartz eine Maler-Abdeckfolie wie einen Kokon um sich hüllen - ein Raum für Inges Tagtraum, wo sie das dienstliche Korsett endlich ablegen kann.

Der unförmige Blazer in beigebraun-kariert und die derben Stiefel (Ausstattung: Axel Theune) passen zu Inge Lohmarks feldwebelartigen Haltung. Dazu kommt der Fingerzeig, die Ermahnung, das Auf-Abstand-Halten mit der Handfläche – Gesten der Autorität, des Respektverschaffens. Wie sich Agnes Giese diese angeeignet hat, wirken sie wie über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen. Lehrergymnastik.

Dem Furor der Pädagogin, die begeisterte Vorträge über genetische Abweichung und die „Räuber-Beute-Beziehung“ der Arten hält, stehen Momente gegenüber, wo sich Inge Lohmark ihren Fantasien hingibt. Kopfkino. Hier sprießen Sehnsucht, Erinnerungen an ihre Kindheit und ihre Tochter, an mütterliches und berufliches Versagen, Ratlosigkeit.

Von der ersten Minute an zieht Agnes Giese das Publikum auf die Seite dieser ernsthaften Person. In ihrer Unerbittlichkeit und ihrem hohen Anspruch macht sie Inge Lohmark liebenswert. Wir spüren den Gegenwind, den die altmodische Lehrerin mit DDR-Sozialisation von Schulleitung und Schulamt bekommt, gespiegelt in ihrer Reflektion und inneren Abwehrhaltung. Bis immer deutlicher wird, wo diese Frau gescheitert ist. Persönlich und beruflich.

 

Wieder am 6., 11., 22.2., Karten: 0551-495015.

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