Polizei nach Brandanschlag alarmiert - Demo linker Gruppen

Szene in Bedrängnis

Göttingen. Am 20. Januar war es wieder soweit: Im Göttinger Ostviertel steckten Unbekannte nachts ein Auto in Brand. Die Art der Ausführung und das Ziel der Brandstiftung - ein Nobelauto der Marke Jaguar - legen den Verdacht nahe, dass die Tat in eine Serie von Brandanschlägen einzureihen ist. Seit Oktober 2006 haben Brandstifter in Göttingen 26 Fahrzeuge zerstört oder beschädigt.

Zwei Tage später: Unbekannte legen morgens einen Brandsatz in der Göttinger Kreisverwaltung. Erstmals wird bei einem Anschlag ein Mensch verletzt. Am helllichten Tag einen Brandsatz in einem öffentlichen Gebäude zu legen - damit wurde nach Ansicht des Kripochefs Volker Warnecke eine neue Stufe der Gewalt erreicht. Bei dem Anschlag, bei dem ein 25-jähriger Mitarbeiter ein Knalltrauma erlitt, hätte es Schwerverletzte und Tote geben können. Die Täter hatten den Brandsatz in der Teeküche der Ausländerbehörde abgelegt.

In Göttingen gibt es seit Jahrzehnten eine linksextreme Szene. In den 1990-er Jahren ermittelte sogar die Bundesanwaltschaft gegen die so genannte Autonome Antifa (M) wegen des Verdachts einer terroristischen Vereinigung. Nachdem es eine Zeitlang ruhiger geworden war, habe sich in der jüngsten Zeit jedoch die Zahl der gewaltbereiten Autonomen wieder erhöht, sagt Kripochef Warnecke. Nach Schätzungen des Verfassungsschutzes seien in Göttingen rund 230 Personen dieser Szene zuzurechnen.

Nachahmungseffekt

Bei den Brandanschlägen auf Autos vermuten die Ermittler auch einen Nachahmungseffekt. Die autonome Szene in Göttingen reagiere damit auf Serien in den Autonomen-Hochburgen Berlin und Hamburg, zu denen es vielfältige Kontakte gebe.

Der Anschlag im Kreishaus hat indes auch in den Augen der Staatsanwaltschaft Göttingen eine andere Dimension. Sie hat den Fall dem Generalbundesanwalt vorgelegt.

Der Präsident des niedersächsischen Verfassungsschutzes, Hans-Werner Wargel, hält die Entwicklung für „sehr besorgniserregend“. Göttingen habe die stärkste gewaltbereite Szene in Niedersachsen. Der Anschlag im Göttinger Kreishaus markiere einen „qualitativen Sprung zu Schlimmerem hin“.

Fünf Tage nach dem Anschlag verfolgten zwei Spürhunde eine Spur vom Tatort zu einem studentischen Wohnhaus, das als feste Adresse der autonomen Szene gilt. Nachdem die Polizei daraufhin das Haus durchsuchte, folgte an diesem Wochenende das übliche Ritual: 400 Demonstranten protestierten am Samstagnachmittag in Göttingen gegen „Repression und Polizeiwillkür“. Die demonstrationsgewohnten Göttinger nahmen dies indes kaum zur Kenntnis, sondern machten ihre Wochenendeinkäufe.

Von Heidi Niemann

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