10. Mai 1933

Gedenken an nationalsozialistische Bücherverbrennung: Tiefpunkt der Stadtgeschichte

Die Gedanken sind frei: Das Orchester KlezPO bei der Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung auf dem Albaniplatz. Fotos: Papenheim

Göttingen. „Der war ein Tiefpunkt unserer Universitäts- und Stadtgeschichte.“ Mit deutlichen Worten erinnerte der Göttinger SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann am Freitag daran, dass die Nationalsozialisten mit der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 ihren Macht- und Zerstörungswillen demonstrierten.

„Es ist eine unerträgliche Vorstellung, dass die Universität, die im Geiste der Aufklärung gegründet wurde, hier mitgewirkt hat“, sagte Oppermann in einer Gedenkveranstaltung vor mehr als 100 Zuhörern auf dem Albaniplatz. Er zitierte aus einem Zeitungsartikel, wonach große Teile der Bevölkerung die von der nationalsozialistischen Studentenschaft organisierte Bücherverbrennung bejubelt hatten: „Das war unsere Stadt, das waren unsere Vorgänger. Wir alle müssen für die Demokratie eintreten und Verantwortung übernehmen, damit sich Nationalsozialismus und Rassismus nicht wieder ausbreiten können.“

Thomas Oppermann: Tiefpunkt der Stadtgeschichte.

Der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Frank Möbus erinnerte an die Schicksale von Autoren, deren Bücher in Göttingen und vielen anderen Städten in Flammen aufgingen. Ernst Toller nahm sich in seiner Verzweiflung im Exil das Leben. Joseph Roth starb, als er vom Freitod seines Freundes Toller hörte. Walter Hasenclever ging in den Tod aus Angst, an die Nazis ausgeliefert zu werden. Stefan Zweig und seine Frau Lotte verübten gemeinschaftlichen Freitod. Berthold Jacob starb im KZ, Theodor Lessing wurde von Nazis ermordet und bei Kurt Tucholsky ist bis heute nicht geklärt, ob er aus Absicht oder Versehen eine Überdosis Schlafmittel nahm. Erich Maria Remarque konnte zwar entkommen, doch seine Schwester wurde hingerichtet. Erich Mühsam, dessen Bücher bei der Verbrennung vergessen worden waren, wurde im KZ misshandelt und schließlich ermordet.

Pflicht zur Erinnerung

Prof. Dr. Frank Möbus: Schicksale verfemter Autoren

„Der 10. Mai ist der Tag, an dem wir die Pflicht haben, uns dieser Geschehnisse zu erinnern“, betonte Möbus: „Diese Erinnerung, so schmerzhaft sie ist, ist wichtig.“ Wenn man irgendwann sagen würde, jetzt sei es genug mit dem Erinnern, hätten die Nazis ihr Ziel erreicht: „Das werden wir nicht zulassen. Keinesfalls.“

Für den passenden Rahmen der Gedenkveranstaltung sorgte das Klezmer-Projekt-Orchester KlezPO mit „Die Gedanken sind frei“ zum Auftakt bis zur Internationalen auf Jiddisch. Eine Lesung aus Büchern, die damals verbrannt wurden, schloss sich an.

Die Stadtbibliothek Göttingen präsentiert noch bis zum 22. Mai ihre Ausstellung „Verbrannt – Verfemt – Vergessen“. 117 Autoren, deren Werke 1933 verbrannten,sind in der Bibliothek vertreten. (p)

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