Top-Arzt und ‘guter SA-Mann‘

HNA-Interview mit den Autorinnen von „Weißkittel und Braunhemd – Rudolf Stich“

Vieles wird klarer: Die Autorinnen des Buches „Weißkittel und Braunhemd – Rudolf Stich“. Von links: Katharina Trittel, Stine Marg und Bonnie Pülm. Foto: nh

Göttingen. Am Mittwoch wird das Buch „Weißkittel und Braunhemd“ über den ehemaligen Göttinger Mediziner Rudolf Stich veröffentlicht. Um Stich, dessen Ehrenbürgerschaft und Vergangenheit im NS-Staat wurde viel diskutiert.

Im Interview sprechen die Autorinnen Stine Marg, Bonnie Pülm und Katharina Trittel auch über neue Erkenntnisse, die gar nicht so neu, aber bislang nicht öffentlich geworden sind.

Bringt das Buch auch Neues im Fall Stich ans Licht? 

Katharina Trittel: Folgt man den bisherigen Darstellungen, könnte man annehmen, Stich sei lediglich ein Opfer der Politik geworden. Wir können nun nachweisen, dass das nicht der Fall war. Das Interessante an der Biografie des Rudolf Stich ist, man hätte viele Dinge eigentlich früher wissen können.

Warum wurden diese Fakten sie nicht öffentlich? 

Trittel: Sie wurden systematisch verdrängt, während andere Taten konsequent in den Vordergrund geschoben wurden. Wir belegen nun einiges erstmalig mit Quellen: seine Funktion als beratender Arzt der Wehrmacht, seine Einbindung in die sogenannte kriegswichtige Forschung, seine Bewunderung für Hitler, seine Unterstützung und Förderung eugenischer Maßnahmen und seine Verwicklung als Dekan der medizinischen Fakultät in Medizinverbrechen.

Was also war Stich: Gutmensch oder Verbrecher? 

Stine Marg: Rudolf Stich war wie so viele Menschen – um die klassischen Klischees zu benutzen – weder ein Gewaltverbrecher noch ein Held. Gerade dies macht die Auseinandersetzung mit ihm so schwierig und interessant zugleich. Wir wollten in dem Buch nicht nur anklagend den Finger heben, sondern der Ambivalenz der Quellenlage gerecht werden. Wir beleuchten die verschiedenen Rollen, innerhalb derer Stich agierte.

Welche Rollen waren das? 

Marg: Rudolf Stich war sicher ein guter Arzt, der seinen Job herausragend ausgefüllt hat und er war Nationalsozialist. Er war sowohl Vorbild für seine Schüler, und er hat dennoch als Mediziner auch damals geltende ethische Normen verletzt. Diese Widersprüche wollten wir nicht auflösen, sondern stets darstellen.

Wie beurteilen Sie denn persönlich die Biografie Rudolf Stichs? 

Trittel: Rudolf Stich war eine prinzipientreu agierende Persönlichkeit – dessen Überzeugungen und Prägungen letztlich für eine hohe Anschlussfähigkeit an die nationalsozialistische Ideologie sorgten. Rudolf Stich war ein überzeugter Nationalsozialist, ein ‘guter SA-Mann’. Das betraf vor allem seine Vorstellungen von Gemeinschaft und Führertum, die auch im privaten Rahmen eine hohe Gültigkeit für ihn besaßen.

Trotz allem aber blieb Stich positiv im Göttinger Gedächtnis, wie ist das möglich? 

Bonnie Pülm: Rudolf Stichs Familie, seine Kollegen und Schüler betrieben nach 1945, aber vor allem nach seinem Tode im Jahr 1960, eine aktive Erinnerungspolitik, in der lediglich sein menschliches Vorbild und seine herausragenden Fähigkeiten als Chirurg betont wurde. Hinzu kommt eine zögerliche Aufarbeitung des ärztlichen Berufsstandes und auch der Universitäten insgesamt – vor allem bis in die 1980er Jahre hinein. (tko)

Buch und Autorinnen

Stine Marg, Bonnie Pülm und Katharina Trittel – die Autorinnen des Buches „Weißkittel und Braunhemd“ – sind Mitarbeiterinnen des Institutes für Demokratieforschung an der Universität Göttingen, Pülm ist jetzt Referendarin für das Lehramt an Gymnasien. Das Institut zog 2010 in ein Haus an der Weender Landstraße ein, das in Göttingen als „Villa Stich“ bekannt war. Eine Tafel erinnerte an den Namensgeber: Rudolf Stich. Der Mediziner war von 1911 bis 1945 Inhaber des Lehrstuhls für Chirurgie an der Universität Göttingen und Leiter der Chirurgischen Klinik. Stich war Träger vieler Medaillen und Ehrungen, auch des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und Ehrenbürger von Göttingen. Die Politikwissenschaftler am Institut für Demokratieforschung fanden schnell heraus, das Stich auch überzeugter Unterstützer des Nazi-Regimes und Hitler-Verehrer war. In der neu gegründeten Bundesrepublik aber spielte das keine Rolle mehr. Posthum erhielt Stich Auszeichnungen. Aus einem Forschungprojekt entstand nun das Buch, das längst bekannte und unterdrückte Fakten erstmalig zusammenfasst. (tko)

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