Trauer, Blödsinn. Musik: Rocko Schamoni in Gala-Form

Zwei Pils, ein großer Entertainer: Rocko Schamoni setzte am ersten Abend des Göttinger Literaturherbstes ein Ausrufezeichen im Alten Rathaus. Foto: Kopietz

Göttingen. Zwei Gitarren, mehrere Flaschen Bügel-Pils, ein paar Manuskriptseiten – das reicht aus, um einen wunderbaren Literaturabend der anderen Art zu erleben – am Freitagabend beim Literaturherbst Göttingen dank Rocko Schamoni.

Ein Programm der Superlative, wie im Heft angekündigt, trifft das nicht, was Rocko Schamoni während der zweieinhalb Stunden im prallvollen Saal, den Schamoni als „Graffitti-Halle“ in Göttlingen bezeichnet, bietet. Mit beschriebenem reduziertem Aufwand tischt Rocko die pralle Bandbreite der Emotionen von tod-traurig bis himmelhochjauchzend auf. Und das in unmittelbarer Folge.

Das ist Schamoni, der sich selbst als depressiv bezeichnet. Und manchmal sich im Gemüt der darunter leidenden Menschen die Dunkelheit mit dem hellen Licht. Schamoni selbst bekämpft seine dunklen Stimmungen mit Humor. Das sagt er ganz ehrlich.

Den Gästen im Alten Rathaus, die natürlich auch gekommen sind, weil sie alte Fans sind und lachen wollen, will der 49-Jährige denn auch nicht allzu viel Trauriges aus seinem aktuellen, überaus melancholischen Buch „Fünf Löcher im Himmel“ präsentieren. Stattdessen gibt es schon in Halbzeit eins viel Musik mit seinem kongenialen Gitarren-Partner und starken Sänger Matthias „Tex“ Strzoda.

Aufgewärmt hat sich Schamoni zuvor „im Gebhards, mit ein paar Flaschen Bier“. Zwei Pullen Bergbräu stellt er denn auch vor sich auf den Tisch. Dann fragt er freundlich, ob er denn aus dem traurigen Buch lesen dürfe und beantwortet sich die Frage: „Ich beruhige Euch zunächst, um später mit in einer Polonäse in die Stadt einzubrechen. Literatur ist die Vorstufe der Gewalt!“

Dann blickt er ins Publikum und sagt: „Ich schaue in einen Nebel aus Fleisch.“ Soll heißen, er erkennt nix. So ist Schamoni, der dann den „Rock-Block“ mit melancholischen Songs folgen lässt: „Leben heißt sterben lernen“, erzählt von Abschied, vom Aufgeben – aber auch vom Leben-Leben. Da ist sie wieder die Bandbreite des Lebens, des Schaffens von Schamoni, dem Schreiber, Sänger, Schauspieler, Politiker, der aus seiner Depression auch immer wieder Kraft zieht.

Nach der Pause wird´s lustig: Rocko hat die schlechtesten Buchanfänge der Welt geschrieben und an Verlage geschickt – auch an seinen Piper-Verlag. In der Hoffnung auf „Ablehnungen und Absagen“. Die kommen: kryptisch, nichts- und vielsagend. Schelm Schamoni freut sich, genau diese grottenschlechten Texte („Immer Ärger mit Herr Berger“ und die Ablehnungen dem Verleger für sein nächstes Buch aufdrücken zu können. „Das Schwache ist doch eigentlich das Starke“, lacht er und kalauert herrlich drauflos.

Schließlich gibt es noch wunderbare Lieder aus dem aktuellen Album mit vergessenen deutschen Popsongs wie der Lassie Singers und FSK. Angezählt wird mit „Are you ready Steve, Andy?“ wie es einst Sweet-Sänger Connolly bei „Ballroom Blitz“ tat. Wunderbar. „Wir brauchen eine Mauer im Kopf, eine Mauer der Liebe! und “Angela, was hat die Macht aus dir gemacht?“

Kurzum: Es wird verdammt viel gelacht an diesem genialen, langen Literatur-Musik-Kalauer-Abend im Alten Rathaus. Rocko, Du bist der King!

Von Thomas Kopietz

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